Rezension zu »Achtzehnter Stock« von Sara Gmuer
»Glück lässt sich von Pisse im Treppenhaus nicht abschrecken, Glück findet von Zeit zu Zeit sogar in den achtzehnten Stock.«
Statt auf glamourösen Premierenpartys und spannenden Filmdrehs verbringt Wanda ihre Zeit mit ins Leere laufenden Castings, der Sorge um die nächste Miete, und alleinerziehend mit ihrer fünfjährigen Tochter Karlie im achtzehnten Stock einer Berliner Platte. Das Leben hatte sich Wanda wahrlich anders vorgestellt. Trotzdem hält sie hartnäckig fest an ihrem Traum, sieht die Platte nur als eine Zwischenstation auf ihrem Weg zu etwas Besserem. Für Karlie, aber auch für sich selbst. Dann erhält sie die Rolle in einem Film und damit eine Chance, die ihr das Leben bieten könnte, nachdem sie sich so verzweifelt verzehrt. Plötzlich ist Wanda umgeben von Menschen, für die Geld keine Rolle spielt, die Luxus gewöhnt sind und genau das Leben, zu dem Wanda immer gehören wollte. Während ihre Träume zum ersten Mal zum Greifen nahe sind, muss sie gleichzeitig feststellen, dass der Filmdreh mit seinen ungewissen Arbeitszeiten alles andere als vereinbar ist mit ihrer Rolle als alleinerziehender Mutter. Karlie ist egal, ob Wanda eigentlich beim Dreh sein muss, wenn sich ihr Ohr entzündet. Dem Filmteam ist es egal, ob Wanda sich um ihre kranke Tochter kümmern muss, wenn Szenen mit ihr auf dem Plan stehen. Und auch, wenn Aylins Mutter, Nachbarin und Mutter der besten Freundin von Karlie, immer wieder für sie einspringt und Wanda Mal um Mal den Rücken freihält und dabei nicht mit lebensklugen Weisheiten spart, die Wanda mindestens so nerven wie alles andere an der Platte, kommt Wanda doch an den Punkt, an dem das fragile Gleichgewicht beider Welten ins Wanken gerät.
Was tun wir, wenn unsere Träume zerplatzen? Geben wir sie auf oder halten wir an ihnen fest, komme was wolle? Welchen Preis sind wir bereit, für sie zu zahlen? Es sind Fragen wie diese, die im Zentrum von »Achtzehnter Stock« stehen und uns ein authentisches Bild einer jungen Frau malen, die hin- und hergerissen ist, zwischen einem einstigen Lebensplan in Pastelltönen und der harten, oftmals grauen Realität, weil das Leben viel zu oft eben nicht nach Plan verläuft. Statt sofortigem Erfolg nach Abschluss des Schauspielstudiums: eine Tochter, die von ihr abhängig ist, die krank wird, die Aufmerksamkeit braucht. Miete und Lebenshaltungskosten, die nicht bezahlt werden können vom bloßen Wollen und Träumen. Mitten im Chaos: Wanda. Eine Protagonistin, mit der ich immer wieder auch zu kämpfen hatte. Ich verstehe ihr Wollen, ich verstehe ihren Wunsch nach etwas Größerem für ihr eigenes Leben. Was ich nicht immer verstanden habe: einige ihrer Entscheidungen, die Nachvollziehbarkeit der Handlung an der ein oder anderen Stelle, die herablassende Art und Weise, mit der sie den Menschen begegnet, die eigentlich ihre Freund*innen und Stütze sind. Es ist dieses »eigentlich zu gut für die Platte«, das mich immer wieder etwas gestört hat in Kombination mit der doch sehr stereotypen Darstellung von Aylins Mutter. Aber »Achtzehnter Stock« zeigt uns nichtsdestotrotz einen ehrlichen Blick auf die Probleme einer alleinerziehenden Mutter in der Unvereinbarkeit zwischen Arbeitsleben und Muttersein. In einer feinen Sprache, die direkt ist und immer wieder ganz besonders schöne Momente schafft. Nicht zu vergessen auch Wandas Wunsch, wieder als junge Frau wahrgenommen zu werden, die eigene Bedürfnisse hat und Nähe braucht. Ich habe den Roman gerne gelesen, wenn ich mir auch ein wenig mehr Tiefgang und Nachvollziehbarkeit in Wandas Charakter(entwicklung) gewünscht hätte. Ein Roman, der besonders durch seine Sprache besticht und einen Blick auf soziale und gesellschaftliche Missstände alleinerziehender Mütter wirft.
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