Rezension zu »Das Lieben danach« von Helene Bracht
Als Kind wurde Helene Bracht wiederholt von einem Erwachsenen aus ihrem weiteren familiären Umfeld missbraucht. Ein (Macht)Missbrauch, der sich auf ihr gesamtes Leben ausgewirkt hat – bewusst wie unbewusst. Ehrlich, direkt und ohne Scham schreibt Bracht nun Jahrzehnte später über ihre Missbrauchserfahrung – vom Davor, vom Während und vom Danach. Wie lebt und wie liebt man weiter, nachdem einem derartige Gewalt angetan wurde, nachdem das Urvertrauen derart nachhaltig beschädigt wurde und man die Sicherheit verloren hat? Von der Kindheit über die Jugend und das Erwachsenenalter bis hin zu den späteren Jahren zeichnet Bracht ihre Lebenslinien nach. Von der Verstummung durch die Scham der Eltern, Eltern eines Missbrauchsopfers zu sein. Vom komplizierten Umgang mit der Entfaltung und Akzeptanz der eigenen Sexualität. Von der Unfähigkeit, echte und ernste Beziehungen einzugehen. Beziehungen ja, Sex ja, wirkliche emotionale Nähe nein, eine Distanz als Schutzschild. Von den Menschen, die sie dadurch verletzt hat. Von Beziehungen, die dadurch in die Brüche gingen. Von Einsamkeit und Sehnsucht gleichermaßen. Und davon, wie leicht es ist, selbst auf Täter*innenseite zu wechseln. Immer wieder angereichert mit Statistiken und psychologischen Hintergründen, erzählt Bracht an ihrem eigenen Leben und ihrer Missbrauchserfahrung eine so persönliche wie überindividuelle Geschichte von Macht und Sexualität, Verlangen und Scham, einer misogynen Gesellschaft und dem in vielerlei Hinsicht komplizierten Verhältnis zwischen Täter*innen und Opfern.
»Das Lieben danach« ist bei Weitem kein leichtes Buch. Allein diese beeindruckende Direktheit, in der Bracht es schafft, über das zu reden, was ihr angetan wurde – die emotionale Manipulation sowie der körperliche Übergriff – fordert zu Recht viel beim Lesen. Dazu die Form der essayistischen (Nach-)Erzählung, irgendwo zwischen Prosa, Erinnerung und Sachbuch, untermalt von fließenden Gedanken, statistischen Einschüben und der sehr interessanten Einordnung ihres Lebens anhand der Entwicklungen der Jahrzehnte in Deutschland. Im Laufe des Buches reflektiert Bracht auf einer Ebene, vor der ich den größten Respekt habe: Zeiten, in denen sie Opfer war, Zeiten, in denen sie selbst Täterin wurde, Zeiten der Verzweiflung, der Angst. Wie wohl sie sich mit 70 fühlt, seit sie in der Unsichtbarkeit angelangt ist, ihr Körper noch der einer Frau, aber eben doch so, dass ihn niemand mehr wahrnimmt. Es liegt gleichermaßen eine Freiheit in der Unsichtbarkeit wie ein tiefes gesellschaftliches Problem in der Bewertung von Frauen*körpern. »Das Lieben danach« ist wieder eins dieser Bücher, bei denen eine Bewertung schwerfällt und auch kaum angebracht scheint. Deswegen möchte ich nur sagen, dass ich mit meinem Eindruck und Gefühl nach dem Lesen etwas schwanke, weil mir einiges sehr nah ging und mir anderes doch sehr fernblieb und sich mir entzogen hat. Und dennoch: In Gänze ein Buch, das Aufmerksamkeit verdient.
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