Rezension zu »Erdbeeren und Zigarettenqualm« von Madeline Docherty

»Du weißt, dass deine Nacht erst real wird, wenn du sie mit ihr teilst.«

Du bist achtzehn, studierst wahllos um des Studiums willen und verlierst deine Jungfräulichkeit an irgendeinen Typen aus deinem Gendertheorieseminar. Der Typ ist nett, aber austauschbar und am Ende kommt es sowieso nur darauf an, dein Erlebnis mit Ella zu teilen. Ella, deine beste Freundin, dein Lebensmittelpunkt. Alles erhält nur dann Bedeutung, wenn du es mit Ella teilen kannst. Und Ella ist immer da und erlebt alles mit dir oder zumindest durch deine Erzählungen: Als du das erste Mal ein Mädchen küsst, als du feststellst, wie sehr dir das gefällt. Als du das erste Mal so schlimme Schmerzen hast und so stark blutest während deiner Tage, dass sie dich in die Notaufnahme bringt, hält sie deine Hand. Ella ist da, als du deine erste Diagnose erhältst. Sie betrinkt sich mit dir, lebt mit dir, schläft ein neben dir. Für dich ist Ella alles. Und obwohl du weißt, dass ihr mehr Schwestern als beste Freundinnen seid, ist da auch dieser kleine Teil in dir, der eifersüchtig ist, wenn Ella einen Freund hat; ein kleiner Teil in dir, der sich vorstellt, wie es wäre, Ella zu küssen. In den kommenden Jahren entfaltet sich dein Leben, anders als erwartet oder erhofft. Du beginnst und beendest Jobs und Beziehungen und Situationships, du stürzt dich in dein Studium und du lässt es schleifen, du verliebst dich und du vergisst dich. Du kämpfst um die Anerkennung deines körperlichen Leidens, zweifelst zwischendurch an dir und landest immer wieder in der Notaufnahme, bis du endlich nach viel zu vielen qualvollen Jahren die Diagnose Endometriose erhältst. Ella ist bei dir, auf jedem Schritt deines Weges, mal näher, mal weiter weg, aber immer da. Bis deine Überforderung und dein Kontrollverlust eine Grenze überschreiten: Du achtest nicht mehr auf dich, landest wieder und wieder in der Notaufnahme, setzt deine berufliche Zukunft und deine Gesundheit aufs Spiel, übertreibst es maßlos und auf besorgniserregende Weise mit Alkohol, Drogen, Partys, Sex – wirst ein ungreifbares, verletzliches und verletzendes Wesen, kaum noch in der Realität verankert und eine Belastung für eure inzwischen fragil gewordene Freundinnenschaft.

»Du bist achtzehn und hast gerade zum ersten Mal dein Verlangen zum Ausdruck gebracht, um etwas gebeten, das du haben wolltest, und es auch bekommen.«

»Erdbeeren und Zigarettenqualm« ist ein Leseerlebnis der besonderen Art. Nicht nur, dass du durch die Direktansprache in der 2. Person Singular, die sich durch das ganze Buch zieht, ohne Pause angesprochen wirst, nein, vielmehr wirst du zu einem gewissen Grad zu diesem »Du«, erlebst diese Geschichte schwebend gleichzeitig als Beobachterin und Akteurin. Du fühlst diese Jugend, die dir in Ausschnitten vorgesetzt wird, diese Planlosigkeit, diese Hilflosigkeit. Du fühlst diese Abhängigkeit zu Ella, die dir auf Dauer nicht gut tun wird, die ihr auf Dauer nicht gut tun wird. Und trotzdem machst du Ella zu deiner Heldin, deiner Schwester, deiner Liebe, deinem Idol. Wie viel kann ein Mensch auf einen anderen projizieren? Du weißt es nicht, aber verdammt noch mal, du bist dabei, es rauszufinden. Währenddessen verlierst du dich, zwischen vertanen Chancen, durchtanzten Nächten, einem Cooldown, aber den schon das nächste High folgt, ein nahtloser Übergang aus Tagen, Nächten, Partys, Menschen, Rausch – alles tun, um nichts zu fühlen. Du bist einsam, du bist hilflos, du bist treibend und du bist so gut darin, andere von dir wegzustoßen, dass du bald niemanden mehr hast, der auf dich aufpasst. Wie kann das sein, wo du doch gleichzeitig in allem versagst? Wie bittest du um Hilfe und, noch viel wichtiger, um Verzeihung? Wie kümmerst du dich um diesen Körper, der dein Feindbild wurde, der dich Monat für Monat quält und foltert und sich gegen dich wendet? Wie wirst du gesund, wenn niemand dich oder deine Krankheit ernst nimmt, ihr ja kaum einen Namen geben kann? Wie überlebst du deine Jugend?

»Und du schaust Ella an und denkst: Sie war die schönste Frau auf der Party, auf jeder Party, überall.«

»Erdbeeren und Zigarettenqualm« ist ein soghafter Roman, der eine gewisse Dunkelheit entfaltet und doch Licht entgegensetzt, der von den Leiden von Endometriose-Betroffenen erzählt, vom Verlorensein in den frühen Zwanzigern, von Queerness und Freundinnenschaft, von Abhängigkeit und der Sehnsucht nach Geborgenheit.




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Daten zum Buch
Titel: Erdbeeren und Zigarettenqualm
Autor*in: Madeline Docherty
Sprache: Deutsch
Aus dem Englischen übersetzt von Yasemin Dinçer
Verlag: Ecco
Paperback | 224 Seiten | ISBN: 978-3-7530-0114-2

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