Rezension zu »Es geht mir gut« von Jessica Anthony

An einem ungewöhnlich warmen Sonntag im November entschließt sich Kathleen, aus ihrer gewohnten Routine auszubrechen: Statt mit ihrer Familie in die Kirche zu gehen und ein Sonntagessen zu kochen, lässt sie alle Verpflichtungen sein, schlüpft in ihren roten Badeanzug, legt sich in den Pool ihrer Wohnanlage und verlässt diesen für Stunden nicht. Die Bitten ihres Mannes ignoriert sie, ebenso die peinlich berührten Blicke ihrer beiden Kinder und sowie die neugierigen Blicke der Nachbar*innen. Während sie da im Pool treibt, lässt sie ihr Leben Revue passieren. Die junge Frau, die sie einst war, und die Frau, die sie jetzt ist. Die Höhen und Tiefen ihrer Ehe, kleine und große Geheimnisse und die Enttäuschungen des Lebens, die sie von einer vielversprechenden Karriere als Profitennisspielerin zu einer in die Jahre gekommenen Wohnanlage als Ehefrau und Mutter geführt haben. Währenddessen wird ihr Mann Virgil zunehmend besorgt. Versucht er doch, den Schein einer glücklichen Ehe aufrecht zu erhalten, offenbart sich nach und nach ein Unverständnis gegenüber seiner Frau und ihrem untypischen Verhalten. Vielleicht ist es aber auch der Umstand, dass sie mit dem Ausbrechen aus den Erwartungen an sie an Sichtbarkeit erlangt … Auch Virgil beginnt, über ihr gemeinsames Leben zu reflektieren. Je tiefer die beiden in ihre gemeinsame, aber auch eigenständige Vergangenheit eintauchen, desto deutlicher zeichnet sich ein Bild einer Ehe ab, die schon längst am Bröckeln ist.

»Es geht mir gut« ist so ein Buch, bei dem ich nicht genau weiß, was ich am Ende davon halte. Ich glaube, es hätte mir im Vorfeld geholfen, zu wissen, dass das Buch nicht in der Gegenwart, sondern in den 1950er Jahren spielt, dann wäre meine Erwartungshaltung eine andere gewesen. Als ich mich dann in die Zeit und das Buch eingefunden habe, fand ich diese gelungene Verbindung aus psychologischem Porträt einer Ehe und der historischen Einbindung in die Geschehnisse der 1950er Jahre sehr interessant. Der leise, aber tragende Erzählstil hat mich schnell durch die Seiten getragen. Auch die Einblicke in Kathleens und Virgils Innenleben, die Anthony uns Stück für Stück anbietet und so nach und nach diese Ehe auseinandernimmt, fand ich schön erzählt. Ein Buch, das für mich in erster Linie von Träumen handelt: von verworfenen, hinter sich gelassenen, aufgegebenen, entrissenen, dem Leben zum Opfer gefallenen Träumen zweier Menschen, die an einem Punkt trotzdem zueinander gefunden haben und nun, neun Jahre später, vor der Frage stehen, ob es das wert war, ob die Zukunft noch Glück birgt oder ein Ende. Und doch verspricht der Blurb auf dem Cover etwas Neues über die Ehe – etwas, das ich in diesem Buch leider vergeblich gesucht habe. Vielmehr ist es eine Geschichte, wie sie in Abwandlungen zigfach auf der Welt existiert – in Büchern wie im Leben, ein Abbild einer konkreten Ehe, deren Kernelemente doch für viele stehen. So bleibt mir »Es geht mir gut« etwas vage in Erinnerung, als ein gutes, unterhaltsames Buch für Zwischendurch, das für meinen Geschmack aber deutlich mehr Tiefgang hätte vertragen können, um nachhaltig im Gedächtnis zu bleiben.




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Daten zum Buch
Titel: Es geht mir gut
Autor*in: Jessica Anthony
Sprache: Deutsch
Aus dem Englischen übersetzt von Andrea Stumpf & Gabriele Werbeck
Verlag: Kein & Aber
Hardcover | 160 Seiten | ISBN: 978-3-0369-5055-6

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