Rezension zu »Für Polina« von Takis Würger


Hannes Prager kennt Polina schon sein ganzes Leben lang, fast vom ersten Atemzug an, war Polina Teil seines Lebens. Sie versteht ihn so wie es nur die wenigsten können, denn Hannes ist still, in sich gekehrt, schmächtig, kein typischer Junge. Und Hannes ist verliebt in die Musik, besonders ins Klavierspielen. Seine Mutter Fritzi liebt ihn über alles, opfert viel für ihn und fördert ihn trotz begrenzter Mittel, wo sie nur kann. Mit vierzehn verliebt sich Hannes schließlich in Polina, die immer seine Weggefährtin und Freundin war. Doch Hannes ist nicht gut mit Worten und so komponiert er ihr eine Melodie, die für Hannes alles umfasst, was Polina ist. Bald darauf stirbt Fritzi bei einem Unfall. Hannes muss zu seinem Vater nach Hamburg ziehen. Mit Fritzi stirbt für Hannes auch die Musik. Mit dem Umzug wächst eine Distanz zwischen Polina und ihm. Es folgen Jahre der Leere und der Einsamkeit. In Leonie findet er eine Partnerin, die nicht viel von ihm fordert und ihm gleichzeitig hilft, lebensfähig zu sein. In der Arbeit als Transporteur von Klavieren findet der noch immer schmächtige Mann eine Arbeit, die ihm die Nähe zur Musik erlaubt, ohne ihr zu nahe zu kommen. Ein Leben der Stille, des Stillstands. Von Polina hört er kaum noch und auch er meldet sich nicht. Bis er nach über 10 Jahren erfährt, dass es Polina nicht gut gehen soll. Kurzum bricht er alle Zelte ab und wendet sich wieder der Musik zu. Denn für Hannes ist klar: Wenn er Polina wiederfinden will, gelingt ihm das nur mit Hilfe ihrer Melodie.

Ja, zugegeben, »Für Polina« liest sich ganz wunderbar poetisch und wohlig warm. Aber: Warum genau wird dieses Buch so gefeiert? Für mich mangelt es bei »Für Polina« ehrlich gesagt an ziemlich vielem – insbesondere an Modernität, Zeitgeist und einem Gefühl für Stereotype, vor allem mit Blick auf die weiblichen Figuren in diesem Buch. Denn, und das muss ich leider ganz klar so sagen: Frauen in diesem Buch existieren ausschließlich für Hannes Prager, weg von ihm haben sie sprichwörtlich keine Existenz. Seine Mutter stirbt, als sie während Hannes‘ späten Teenagerjahren entscheidet, doch mehr aus ihrem Leben zu machen. Leonie investiert all ihre Zeit dahinein, aus ihm einen lebensfähigen Menschen zu machen. Und Polina, Polina geht es nur gut, wenn Hannes in ihrem Leben ist, in den Phasen des Kontaktabbruchs scheitert sie am Leben und leidet unter Depressionen. Allgemein ist Polina viel mehr stilisierte und unrealistische Verkörperung von Hannes‘ Sehnsüchten und Wünschen als eine wirkliche Person: In den wenigen Passagen, in denen Polina sowas wie zu Wort kommt, geht es nicht um sie. Nein. Wenn man als Leser*in mal die Möglichkeit bekommt, in ihre Gedankenwelt einzutauchen – was selten genug ist –, dreht sich alles ausschließlich um Hannes: Wie wird unsere gemeinsame Zukunft aussehen? Wie geht es ihm? Wird es mich wieder zerstören, doch wieder eine Beziehung zu ihm einzugehen? Das geht so weit, dass sie zu Beginn des Buches vor dem großen Zerwürfnis, an dem im Übrigen nur Hannes Schuld hat und das auch nur durch Hannes bestehen bleibt, ihren prestigeträchtigen Studienplatz in England nicht annehmen will, wenn Hannes nicht mitkann. Nein! Während die Frauen in diesem Buch passive Figuren sind, die nur existieren, wenn ein Male Gaze auf sie gerichtet ist, handeln die zahlreichen männlichen Figuren aktiv, betrachten Frauen – lasst uns doch bitte noch ausführlicher darüber philosophieren, warum »schön-hässliche« Frauen die besten sind – und durchleben eigentlich kaum eine nennbare Persönlichkeitsentwicklung. Ebenso ungreifbar und irgendwie flach blieb Hannes, das Klischee eines männlichen Wunderkindes, überfordert vom Leben, der eine Frau braucht, die ihn an die Hand nimmt und das mehr als selbstverständlich betrachtet als irgendwas sonst. Eigentlich ist dies keine Liebesgeschichte, sondern eine Geschichte von Abhängigkeit. Denn Hannes liebt Polina nicht um ihrer Selbst willen, sondern dafür, was sie für ihn ist und sein kann:

»Er wollte, dass sie ihn hörte. Nicht aus Selbstlosigkeit, aber wann war Liebe je selbstlos gewesen? Ich brauche sie, um wieder ich zu sein. Es war ein Gedanke, der in Hannes leuchtete.«

Tradierte, veraltete Männlichkeits- und Weiblichkeitsbilder, wohin man blickt. Eine Reproduktion von bereits vielfach Gehörtem und Gelesenem männlicher Autoren aus vorigen Jahrzehnten und Jahrhunderten (auch mit Blick auf die verwendete veraltete Sprache, in der Worte wie TikTok und Smartphone regelrecht rausgestochen sind und fehl am Platz wirkten). So hat mich weder die sehr einseitige Liebesgeschichte noch Hannes‘ musikalischer Werdegang begeistern können. Schade, hier ging für mich das Potenzial verloren, etwas wirklich Neues, Originelles, Zeitgemäßes und Modernes zu kreieren.




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Daten zum Buch
Titel: Für Polina
Autor*in: Takis Würger
Sprache: Deutsch
Verlag: Diogenes
Hardcover | 304 Seiten | ISBN: 978-3-257-07335-5

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