Rezension zu »Geht so« von Beatriz Serrano
»Büro spielen ist easy, wenn man weiß, wie. Arbeit ist einfach nur eine Rolle, die man spielen muss.«
Marisas Problem lässt sich leicht zusammenfassen: Sie hasst ihren Job. Wirklich. Sehr. In die Arbeit als Creative in einer Marketing-Agentur ist sie damals nach dem Kunststudium eher durch Zufall reingerutscht – und dort versackt. Inzwischen befindet sie sich schon im mittleren Management. Und eigentlich hat Marisa überhaupt keine Ahnung, wie das passiert ist. Denn ihr Können besteht eher darin, Büro zu spielen als darin, wirklich zu arbeiten. Wenigstens kann sie den Großteil der Arbeit an ihre Angestellten delegieren, besonders die überengagierte Natalia freut sich über jede Aufgabe. Insgeheim verachtet Marisa sie dafür, jedoch kann sie nur dank ihr jeden Tag den Großteil ihrer Zeit damit verbringen, sich Beruhigungspillen einzuwerfen und durch YouTube zu scrollen anstatt zu arbeiten. Und Business-Lunches mit nicht-existenten Kund*innen, während denen man auf keinen Fall gestört werden darf, sind auch immer eine Option. Und trotzdem ist es kaum auszuhalten, dieses 9-to-5-Hamsterrad voller sinnloser Mails, noch sinnloseren Meetings und den sinnlosesten Kampagnen im Namen des Kapitalismus, der besonders Frauen Dinge aufschwatzen will, die eigentlich niemand braucht. Und dabei könnte das Leben der 32-Jährigen in einer kleinen, aber feinen Wohnung in der Madrider Innenstadt samt ihrem Nachbarn, der ihr bester Freund und, wenn nötig, auch ihr Liebhaber ist, eigentlich so schön und erfüllend sein. Wäre da eben nicht dieser lästige Umstand, dass ein schönes Leben Geld erfordert, das wiederum Arbeit erfordert – wodurch sich der qualvolle Kreis wieder schließt. Da bleibt nur das Träumen vom Wegeunfall – auf dem Arbeitsweg verletzt und bei voller Gehaltsfortzahlung krankgeschrieben zu werden – und ein dementsprechend risikoreiches Verhalten auf dem Arbeitsweg, in der Hoffnung, dass der Traum doch noch wahr wird. Auch nicht unwahrscheinlicher als im Lotto zu gewinnen, oder? Beides würde Marisas dringendstes Problem lösen. Apropos dringende Probleme: In einer Mail erinnert ihr Chef Marisa an den bevorstehenden Teambuilding-Ausflug am Wochenende und bittet sie darum, einen Vortrag über Kreatives Arbeiten zu halten. Für andere Angestellte warum auch immer ein Grund zur Freude – wer will schon freiwillig seine Freizeit mit Kolleg*innen verbringen?! – für Marisa ein Grund, ihren Dealer anzurufen. Denn Teambuilding überlebt man nur high, wenn überhaupt.
»Weder der Arzt noch meine spätere Therapeutin verstanden je, dass mein Stress nicht durch die Arbeit an sich ausgelöst wurde, sondern […] durch die Tatsache, überhaupt zur Arbeit gehen zu müssen.«
»Geht so« ist mal wieder so ein Buch, das mich von Grund auf überrascht hat, denn ich habe nicht annährend mit einem derart amüsanten, lustigen Buch gerechnet, das zudem in mancherlei Hinsicht auch noch relatable ist. Denn sind wir mal ehrlich: Arbeiten die meisten von uns nicht hauptsächlich aus dem Grund, damit wir uns das Leben/die Dinge leisten können, mit denen wir unsere Zeit so viel lieber verbringen würden? Wer kennt ihn nicht, diesen Unmut, in der Früh aufzustehen in dem Wissen, dass man den Tag auch lesend, schlafend, an die Decke starrend verbringen könnte? Richtig. Und genau diesem Gefühl geht »Geht so« genüsslich nach, dekonstruiert die »kreative« Arbeit in der Marketing-/Agenturbranche in all ihrer (deprimierenden) Alltäglichkeit. Wie macht man einen Job, von dem man sich eigentlich wünscht, er würde gar nicht existieren? Nicht zu vergessen der bitterböse Humor, mit dem Serrano das Miteinander von Kolleg*innen, die alltäglichen Machtkämpfe, großen und kleinen Krisen und Frustrationsmomente im Büro auseinandernimmt. In all seiner Komik ist dieser Roman dennoch auch ein ernster, er blickt kritisch auf unsere von Kapitalismus getriebene Gesellschaft und die Sinnhaftigkeit/Verlogenheit von Werbung im Allgemeinen, erzählt währenddessen frisch und deutlich vom Sexismus der Branche und der Gesellschaft, zeigt an Marisas Beispiel auf, wie mental und körperlich ungesund sich ein unglücklich machender Job auf eine Person auswirken kann, liefert dabei keine Antworten, dafür umso mehr Fragen und Ende, das besser nicht passen könnte zu diesem Buch.
»Ich weiß, dass die Welt ein besserer Ort wäre, wenn es Jobs wie meinen nicht gäbe. Ich weiß, dass ich die Unsicherheit der Menschen ausnutze und ihren Drang, in einer Gesellschaft voranzukommen, in der man sich eigentlich nicht verbessern kann.«
Ich habe »Geht so« geliebt, in Nullkommanichts weggeatmet, mich dabei köstlich amüsiert und mir die ein oder andere Frage mit Blick auf mein Leben selbst gestellt. Denn für mich ist das die hintergründige Hauptfrage und Hauptleistung des Romans. Er hält einem einen Spiegel vor, man kommt nicht umhin, sich mit seiner eigenen beruflichen Situation zu befassen und sich die Frage zu stellen: Bin ich glücklich da, wo ich bin? Geht es mir gut in meinem Job? Ein rasantes, unterhaltsames Buch über unser modernes, schnelllebiges, konsumgetriebenes Leben und das individuelle berufliche wie persönliche Glück der Einzelnen. Großartig geschrieben und pointiert erzählt!
»Urlaub ist wie so ein Pflaster auf einer Fleischwunde.«
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