Rezension zu »Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken« von Sarah Lorenz

»Unglaublich, wie viel Gegenwart man aushalten muss, bis sie Erinnerung wird.«

»Siehst du, Mascha, ich bin deinem Rat gefolgt: Ich war klug und hielt mich an Wunder.« Elisa liebt Mascha Kaléko. Es ist Kalékos Poesie, die ihr immer wieder Halt gegeben hat im Leben, die Rettungsanker war und Identifikationsangebot. Kaléko im Speziellen, Bücher in Allgemeinen. So zentral ist Kalékos Werk für Elisa, dass sie in Gedanken immer wieder mit ihr spricht, wie eine alte Freundin, zu der man gerne zurückkehrt und doch noch viel mehr wissen möchte über sie und ihr Leben. Gerade ist Elisa in der Stadt, in der Kaléko starb, um ihr Grab zu besuchen. Eine Art private Pilgerinnenreise, eine Reise zu sich selbst, für Hoffnung und Kraft. Bald schon fährt ihr Zug zurück nach Hamburg, wo Nick auf sie wartet – ein Zuhause, von dem sie so lange nicht glaubte, jemals eins zu finden außerhalb von Büchern. Auf ihrem Heimweg taucht Elisa tief ein in ihre Vergangenheit, die Erinnerungen sind bruchstückhaft – einschneidende, furchtbare, gute Momente – immer untermalt von und im Kontext erzählt von Kalékos Gedichten. Und so lernen wir Elisa nach und nach kennen, diese Frau, die so oft fast zerbrochen ist am Leben. Aber eben nur fast. Elisa erzählt uns von der Liebe ihrer Mutter, die sich plötzlich in Gleichgültigkeit wandelte. Von einem entfremdeten Vater und einer leisen Annäherung Jahre später. Von ihrer Zeit im Heim. Von der Zeit, die sie als Jugendliche obdachlos auf der Kölner Domplatte verbrachte. Von Obdachlosenunterkünften, der Zuflucht in Drogen, Armut, Mädchen wie ihr, Missbrauchserfahrungen. Von gescheiterten Beziehungen, Abhängigkeit, Verlust, Toxizität, Selbstverletzung und Angst. Aber Elisa erzählt uns auch von diesem unabdingbaren Wunsch nach Leben, Liebe, Sicherheit und einem Zuhause. Nach Menschen, die sie in die Arme nehmen. Erzählt von Freund*innenschaft, echter guter Liebe, von Glücksmomenten dank guten, schaumigen Cappuccinos, von Lebensträumen und der unendlichen Kraft, die in Büchern und ihren Geschichten schlummert. Eine Lebensgeschichte in Fragmenten mit ihren Höhen und Tiefen, voller Lebens- und Liebenshunger.

»In Grautönen fühle ich selten.«

»Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken« ist ein sehr feiner, sehr schmerzender, sehr berührender, sehr kunstvoller Roman irgendwo zwischen Punk und Poesie. Einer dieser Romane, die zu einem gewissen Punkt immer ungreifbar bleiben und genau dadurch ihre Wirkung entfalten. Elisas Erinnerungsfragmente folgen keiner roten Linie außer derer anhand von Kalékos Gedichten und lassen und als Leser*innen dadurch gerne mal im Ungewissen, wo sie einzuordnen sind. Ein Roman, der mit Kontrasten spielt, der uns eine furchtbar einsame, verlorene Jugend gegenüberstellt zu dem Wissen, dass es Elisa inzwischen gut geht und sie sicher ist. Es fällt mir zugegeben schwer, ein konkretes Bild dieses Romans zu zeichnen, es sind vielmehr einzelne Geschichten eines Lebens, die ein großes Ganzes ergeben und ihr ihrer Fülle ihre Wirkung entfalten. »Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken« lässt uns tief in die vernarbte Seele einer Frau schauen, die leiden musste in ihrem Leben, noch leiden wird. Aber die auch angetrieben ist von Hoffnung, von Stärke und Mut. Ein intensiver Roman als Liebeserklärung an das Leben, an Kalékos Poesie und an Bücher – die Literatur, die Lyrik und die, die gern mal belächelt werden. Es hat mich berührt.

»Die Liebe und die Bücher. Ein alternatives Leben habe ich mir ausgemalt.«





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Daten zum Buch
Titel: Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken
Autor*in: Sarah Lorenz
Sprache: Deutsch
Verlag: Rowohlt
Hardcover | 224 Seiten | ISBN: 978-3-498-00699-0

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