Rezension zu »No Hard Feelings« von Genevieve Novak
»Der Himmel bewahre, dass irgendetwas die ganze sexy, sorglose, perfekte, entzückende, mysteriöse Aura ruiniert, die ich stets zu kultivieren pflege. Kein Wunder, dass ich immer so müde bin.«
Woran liegt es eigentlich, dass das Leben der anderen immer besser zu laufen scheint als das eigene? Diese Frage stellt sich die 26-jährige Penny in letzter Zeit immer häufiger – besonders mit Blick auf ihre Freund*innen: Annie brennt für ihre Arbeit, macht Überstunden noch und nöcher und wird zur Partnerin in ihrer Kanzlei befördert. Bec hingegen hat die Liebe gefunden, sich verlobt und kaum noch ein anderes Gesprächsthema. Leo, Pennys Mitbewohner, wiederum genießt das frische Singleleben bewusst und in vollen Zügen. Wer bleibt auf der Strecke und versagt in jeder Hinsicht? Richtig: Penny. Die Arbeit in der Medienagentur macht ihr kaum noch Spaß, die versprochene Beförderung wird immer wieder nach hinten verschoben. Ihre seit Jahren andauernde On-Off-Beziehung mit Max ist gerade in einem Off und auf Dating hat sie so überhaupt keine Lust. Während die anderen ihre Leben aktiv in die Hand nehmen, wartet Penny immer noch darauf, dass ihres endlich beginnt. Unzufrieden mit sich und der Welt beschließt Penny, dass es an der Zeit ist, sich und ihr Leben zu ändern: Das Hin und Her mit Max soll ein Happy End bekommen, ihre Chefin will sie von sich überzeugen und ihre Panikattacken sollen auch endlich Geschichte sein. Große Pläne, an deren Umsetzung Penny immer wieder scheitert. Denn das Leben legt Penny so manchen Stein in den Weg und schlechte Gewohnheiten sind schwer wieder loszuwerden.
»No Hard Feelings« war in erster Linie eines und zwar relatable und schon dafür liebe ich diesen Roman. Ich mochte Penny – selbst dann, wenn ich sie wirklich anstrengend fand. Weil Penny ganz einfach authentisch war, ein echter Mensch und allein dadurch schon einfach so sympathisch und zeitweise nervenaufreibend wie echte Menschen das eben sind. In mancherlei Hinsicht war ich selbst schonmal Penny, bin es immer noch. Einerseits dieses Gefühl, irgendwo festzustecken während gleichaltrige Menschen um einen herum im Erwachsenwerden glänzen, und andererseits auch das Wissen, dass diese Art Erwachsenwerden gar nichts ist, das für einen selbst sonderlich erstrebenswert klingt – oh yes! Und so habe ich Penny mit ganz viel Freude in ihrem chaotischen Alltag begleitet, der irgendwo stattfindet zwischen zu vielem Zerdenken, Schlafmangel, einem Job, in dem sie aufsteigen will und der ihr doch eigentlich überhaupt nicht gefällt, einer Beziehung, in die sie schon viel zu viel investiert hat, um sie aufzugeben, auch wenn sie sich nicht gut anfühlt, und Freundinnen, die vielleicht nicht mehr so ganz zu ihr und ihrem Leben passen. Einzige, kleine Kritikpunkte an der Stelle: der Fokus auf »Ich brauche eine Beziehung, um glücklich zu sein, Singlesein ist nur eine Station auf dem Weg zum Glück.«, der seitens aller Protagonist*innen durchkam, und Max, der eine Red Flag in Menschengestalt war und Pennys Unfähigkeit/Unwille, das – trotz diverser Hinweise von all ihren Freund*innen und Max selbst – zu erkennen. Davon abgesehen steckte in diesem Roman unglaublich viel Gutes, Humorvolles, Ernstes: Unzufriedenheit mit dem Job, das Gefühl von Alternativlosigkeit und die Auswirkungen auf die mentale und körperliche Gesundheit, die damit einhergehen. Freund*innen, die eine Beziehung beginnen und sich komplett zurückziehen. Panikattacken, sie zu erkennen, sie durchzustehen, sie zu überwinden. Sich Hilfe zu suchen und bereit dafür zu sein, auch die unangenehmen Wahrheiten über sich selbst zu akzeptieren. Wie viel Zeit und Anstrengung und Rückfälle und Enttäuschungen es kostet, an sich selbst zu arbeiten. Wie wertvoll es ist, für sich selbst einzustehen und persönlich zu wachsen – nicht für andere, sondern für einen selbst. Wie wichtig echte Freund*innen sind, die trotz Karriere und Beziehung und anderen Ansichten verlässlich auf der eigenen Seite stehen und die trotzdem auch ehrlich und bereit sind, einem die Meinung zu sagen.
»No Hard Feelings« ist ein kurzweiliges, unterhaltsames, sehr nahbares Buch über eine junge Frau im Gefühls- und Lebenschaos der Zwanziger, das einfach gut getan hat.
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