Rezension zu »Bestie« von Joana June
Seit Jahren verfolgt Delia auf Social Media die Lifestyle-Influencerin Anouk und stellt sich vor, wie es wäre, Teil ihrer Welt zu sein, Anouk zu sein. Denn Anouk ist alles, was Delia ihres Empfindens nach nicht ist – schön, selbstbewusst, erfolgreich, interessant. Das Leben von Anouk und ihren Freundinnen online zu betrachten und sich in all seiner vermeintlichen Schönheit auszumalen, ist eine Alltagsflucht für Delia, die in ihrem eigenen Leben und mit sich selbst zutiefst unglücklich ist. Dann passiert das Unglaubliche: Durch Zufall entdeckt Delia, dass Anouk eine Mitbewohnerin sucht. Die perfekte Gelegenheit für einen Neuanfang, für das Leben, das sie immer wollte. Delia bewirbt sich und zieht ein – als Lilly. Lilly gibt vor zu sein, was Delia nicht geschafft hat: eine selbstbewusste Bühnenautorin auf dem Weg zum Erfolg. Vielleicht ist der Platz im Schatten von Anouks Erfolg genau der Ort, um aus einem Fake Realität werden zu lassen? Doch auch Anouk sieht eine Möglichkeit, Lilly für ihre Zwecke und Ziele zu nutzen, denn hinter der glitzernden Influencerinnen-Welt warten echte Sorgen und die unbarmherzige Realität. Während die beiden jungen Frauen, einander zunehmend in ihre jeweiligen Leben lassen – oder in das, was die beiden als ihre Welten ausgeben – verwirren sich Lillys und Anouks Lügengeflechte immer enger miteinander. Konflikte und Spannungen breiten sich aus zwischen den beiden Freundinnen, die eigentlich noch immer Fremde sind, bis zu dem Punkt, an dem die Wahrheit sich nicht länger verleugnen und verstecken lässt.
»Bestie« – hinter dem Titel verbirgt sich ein Wortspiel, das dieses Buch unglaublich treffend zusammenfasst: Denn es geht um den/die Bestie, also den/die beste Freund*in, die uns auf ihrem Weg begleitet. Doch genauso sehr geht um die Bestie, die in jedem/jeder von uns schlummert, sich nach Aufmerksamkeit sehnt, Neid empfindet, sich windet und uns mit Selbstzweifeln quält, ständig mit denen vergleichend, die vermeintlich besser, schöner, dünner, klüger, erfolgreicher sind. In »Bestie« geht es um beides, in keinem Widerspruch zueinander, sondern als koexistierende Facetten des Mensch- und besonders des Frauseins in einer misogynen und patriarchal geprägten Welt, die Frauen gegeneinander ausspielt und in den Konkurrenzdruck treibt. Und genau dieses Wechselspiel aus Nähe und Distanz, aus Freundinnenschaft und Konkurrenz, aus dem Wunsch nach Perfektion und der Realität des Scheiterns, aus Fakt und Fiktion, aus Selbstermächtigung und Selbstzweifel, aus Liebe und Hass, aus Lilly und Anouk hält dieses Buch für seine Leser*innen bereit. Es zu lesen macht Spaß, unterhält, erzeugt Spannung, tut weh, eröffnet Parallelen, zeigt, wie verletzlich und stark frau ist, wenn sie versucht, sie selbst zu sein. »Bestie« ist kein perfektes Buch – so hätte ich mir beispielsweise eine Erklärung für Lillys psychische Probleme und Traumata gewünscht –, aber es ist ein ehrliches, authentisches Buch, das genauso wenig perfekt sein muss wie irgendeine Frau auf dieser Welt.
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