Rezension zu »Eine Chance ist ein höchstens spatzengroßer Vogel« von Yulia Marfutova
In der Sowjetunion der 1980er-Jahre träumt Marina von einem anderen, besseren Leben. Während ihre Mutter arbeitet, streift sie mit ihrer besten Freundin Vera durch die Gegend und ist konfrontiert mit einer Zeit und einer Gesellschaft des Aufbruchs. Jahrzehnte später versuchen Marinas in Deutschland geborene und aufgewachsene Töchter, für sich die Lebensgeschichte ihrer Mutter zusammenzusetzen. Denn im Laufe der Zeit wurde aus dem einst aufgeweckten Mädchen eine stille, unnahbare Frau. Dass sie früher ganz anders gewesen sein soll, fällt Marinas Töchtern schwer, zu glauben. Denn Marina sagt kein Wort. Und doch lauschen die Töchter gebannt den Geschichten, die ihnen die Mäuse als leise Chronisten des Hauses erzählen. Dabei setzt sich nach und nach eine viel größere Geschichte zusammen: die Geschichte einer Familie, die Geschichte einer Herkunft, die Geschichte einer Zeit, die Geschichte einer jüdisch-russischen Erfahrungswelt.
»Eine Chance ist ein höchstens spatzengroßer Vogel« ist ein sehr eigenwilliger, faszinierender, anspruchsvoller Roman. Ein Experiment, ein Wagnis, eine andere Art des Erzählens. Denn es sind die Mäuse, und damit die wohl unzuverlässigsten Erzählenden, die hier nach und nach eine Familiengeschichte flüstern. Und doch ist genau dieses unzuverlässige Erzählen, dieses Erzählen aus Sicht von Mäusen das, was unglaublich gut passt, unglaublich viel Sinn ergibt. Denn sie wissen von dem Vater von Marinas bester Freundin, der nie das Bett verlassen hat. Sie wissen von allem, was im Schweigen, in den sprichwörtlichen Ritzen des Ungesagten erlebt, gefühlt wurde. Oder zumindest versuchen sie es. Es ist der Versuch, ein generationsübergreifendes Schweigen zu brechen oder doch zumindest mit Möglichkeiten, Wahrscheinlichkeiten und Halbwahrheiten zu füllen. Es ist eine Erzählung über Herkunft, über Migration, über Ausgrenzung, über Angst. Es ist bei weitem kein einfacher Roman, keiner, der sich sofort erschließt, einer, der Zeit und Ruhe braucht und ein gewissen Abfinden mit der Unklarheit. Doch eben darin liegt die leise Kraft dieses Romans, der vom Schweigen erzählt und von den Geistern der Vergangenheit, die immer bei uns bleiben, lauern und auch die verfolgen, die nach uns sind. So erzählt »Eine Chance ist ein höchstens spatzengroßer Vogel« von Familie, von all dem Ungesagten und von Chancen, die mensch ergreifen sollte, egal wie klein sie anmuten.
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