Rezension zu »Essen von Alina Bronsky«

Alina Bronsky schreibt über ein Thema, zu dem jeder Mensch auf diesem Planeten eine ganz persönliche, lebenswichtige Beziehung hat: das Essen. Auf 110 Seiten und in 11 Kapiteln stellt sie uns dabei ein paar der Essen vor, zu denen sie eine ganz besondere Beziehung hat – und erzählt anhand dieser Mahlzeiten in Wahrheit eine individuelle Geschichte von Kindheit, Erwachsenwerden, Mutterschaft und Gemeinschaft. Seien es die riesigen Portionen, die sie während der Kita-Zeit regelmäßig für die ganze Gruppe kochen musste, Essen aus ihrer Kindheit, die sie auch heute noch in die Zeit zurückversetzen, Gerichte, die sie an ihre Wurzeln erinnern, oder ein Früchtebrot, das dem stillen Nachbarn im Mietshaus jährlich zur Weihnachtszeit Freude bereitet hat. Anhand von Gerichten, Getränken, Zutaten schreibt Alina Bronsky hier anhand von Essen einen ganz persönlichen Lebensbericht – und erschafft dadurch ein kleines, feines Büchlein, das mir einerseits die Autorin nähergebracht hat, und mich andererseits unweigerlich dazu angeregt hat, über die eventuell wichtigen Gerichte in meinem Leben nachzudenken. Weil es schwer ist, dieses Buch auf andere Weise zu bewerten, halte ich mich lieber an Alina Bronskys Aufruf am Ende ihrer kulinarischen Biographie: »Erzählen Sie daher unbedingt von Ihren wichtigsten Gerichten, schreiben Sie am besten eine eigene Liste.« Nun denn, versuchen wir’s:

Chili begleitet mich seit meiner Kindheit als Comfort Food durch mein Leben. Damals noch con, irgendwann dann sin Carne und inzwischen vegan. Was geblieben ist: das Gefühl, das ich mit Chili verbinde. Wärme, Wohligkeit. Es war das Essen, das ich mir jedes Mal von meiner Mutter gewünscht habe, wenn ich krank war. Ich glaube, Chili war wesentlich an meinen Genesungsprozessen beteiligt. Und auch heute noch denke ich an Chili, wenn meine Gesundheit mich wieder mal vorübergehend im Stich lässt – oder ich einfach Lust auf ein Essen habe, das einerseits wenig Aufwand erfordert und andererseits einfach lecker schmeckt und guttut.

Ein weiteres Essen, auch dies in meiner Kindheit begründet, sind Pfannkuchen mit Erbsen, Karotten und Jägersauce. Ein Lieblingsessen, das meine Oma unzählige Male für meinen Bruder und mich gekocht hat, wenn wir zu Mittag bei ihr waren. Die Eltern meiner Mutter wohnten mit uns im Haus, weswegen wir oft bei unseren Großeltern waren. Diese mit Erbsen und Karotten gefüllten, zusammengerollten Pfannkuchen in einem Meer aus Jägersauce waren einfach köstlich. Weiter Vorteil: Der Nachtisch, mit Marmelade oder Nutella gefüllte Pfannkuchen, war nie weit weg. Es ist ewig her, dass ich dieses Essen gegessen habe – aber irgendwie waren mir Pfannkuchen immer zu viel Arbeit und vegan müssten sie ja dann auch noch sein.

Streusel. Ich liebe Streusel. Ein weiteres Essen, dass ich mit meiner Oma verbinde. Ich habe es als Kind geliebt, ihr beim Streuselkuchen backen zu helfen. Und ja, das lag in erster Linie daran, dass ich dabei vom Streuselteig naschen durfte. Ich esse immer noch gerne Streuselkuchen – aber sind wir ehrlich: ein Teller voller Streusel würde mir auch heute noch reichen, der Kuchen ist meist nur Beiwerk für mich, den ich zuerst esse, während ich die besten, größten, am leckersten aussehenden Streusel vom Rest trenne und mir für den Schluss aufhebe.

Ein Essen aus meiner Gegenwart, das niemals fehlen darf: Pizza! Selbstgemachte natürlich. Ich glaube, es gibt kein Essen, das ich mehr mit David und uns verbinde. Über Jahre hinweg hat David am perfekten Teigrezept gefeilt und inzwischen schmeckt die Pizza, die wir uns selbst machen, mit Abstand am besten. Ich liebe unsere Pizzafreitage. Die festgelegten Abläufe, denn jede*r von uns ist für seine Aufgaben zuständig – David für den Teig und die Sauce, ich fürs Schneiden des Belags –, die Vorfreude (es hilft wahrscheinlich auch, dass ich Pizza inzwischen mit Freitag und damit Wochenende und damit Grund zur Freude verbinde), den Geschmack, alles daran. Und wenn ich mich mal bremsen kann und mir ein Stück Pizza für den nächsten Morgen aufhebe – kalte Pizza am Folgetag ist ein ganz eigenes Glück – dann startet der Samstag noch ein bisschen besser als sowieso schon.

Diese Liste liese sich noch beliebig erweitern, aber ich belasse es mal dabei. Beim Grübeln ist mir aufgefallen, wie recht Alina Bronsky mit ihrer Feststellung hatte, dass sie eigentlich kein Buch über ihre Kindheit schreiben wollte, sie ihre Gerichte aber unweigerlich und unbewusst immer wieder genau dorthin geführt haben – denn mir geht es ähnlich.

Ich habe »Essen« wirklich gerne gelesen, ein perfekter Snack für Zwischendurch mit Raum für eigene Gedanken.




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Daten zum Buch
Titel: Essen
Autor*in: Alina Bronsky
Sprache: Deutsch
Verlag: Hanser Berlin
Hardcover | 112 Seiten | ISBN: 978-3-446-28152-3

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