Rezension zu »Kleopatra«von Saara El-Arifi

»Was ist besser, wegen deines schlechten Rufes in Erinnerung zu bleiben oder vergessen zu werden, weil Männer dich bedeutungslos fanden?«

Der Thron Ägyptens ist ihre Bestimmung. Kleopatra wächst in dem Wissen auf, eines Tages die nächste Pharaonin zu sein. Eine Ehre. Eine Last. Sie ist Ägypten und Ägypten ist sie. Untrennbar verbunden, eine göttlich gesegnete Einheit. Der Pharao, ihr Vater, stirbt, als sie 19 Jahre alt ist. Und Kleopatra besteigt pflichtbewusst den Thron eines Weltreichs. Noch ahnt sie nicht, dass sie einst in die Weltgeschichte eingehen wird. Dass sich Sagen und Mythen um sie ranken werden, die wenigsten davon auch nur im Entferntesten wahr. Noch ahnt sie nicht, wie beschwerlich es sein wird, ein Weltreich anzuführen, welchen Einfluss sie auf die Weltgeschichte nehmen wird, welche Opfer sie bringen wird, welche Steine ihr in den Weg gelegt werden, welche Intrigen bereits lauern, um sie zu Fall zu bringen. Noch ahnt sie nicht, welchen Einfluss die Liebe auf ihr Leben nehmen wird – die Liebe zu mächtigen Männern wie Caesar und Marcus Antonius, die Liebe zu ihrer Dienerin und lebenslangen Freundin Charmion, die Liebe zu ihren Kindern und, allen voran, die Liebe zu Ägypten. Noch ahnt sie nicht, dass sie einst als Hexe, als Hure, als Schurkin beschimpft und auf diese Namen reduziert werden wird. Noch ist sie nur Kleopatra, Pharaonin Ägyptens, jung, voller Optimismus, Träumen und Plänen für ihr Reich.

»Ich würde immer Medusa sein. Nicht Mensch, sondern Ungeheuer. Denn wie sollte die Welt sich eine so mächtige Frau wie mich anders vorstellen?«

Ich habe »Kleopatra« von der ersten bis zur letzten Seite verschlungen. Was war das bitte für ein unglaublich gut geschriebenes Buch? Saara El-Arifi gibt hier einer der berühmtesten Frauen der klassischen Antike eine eigene Stimme – denn erzählt wurde viel über Kleopatra, mit Sicherheit überliefert ist fast nichts. Es sind fremde Blicke, ein Male Gaze, ein eurozentrischer Blick auf eine mächtige Frau und deren Reich, die das überlieferte Leben von Kleopatra festgehalten, interpretiert und geformt haben. Die wirkliche Wahrheit über Kleopatra, die kennt nur sie selbst. Im Leben und im Tod. Und doch schafft es El-Arifi, Kleopatra nahe zu kommen, einen Kern zu erfassen, der gleichzeitig nichts weiter ist als reine Fiktion und doch genauso passiert und wahr sein könnte. Aus Kleopatras Sicht erleben wir ihr Leben, vom Tag des Aufstiegs zur Pharaonin bis zum Moment ihres Todes. Wir lernen sie kennen, diese Frau, die zum Sinnbild für vieles gemacht wurde. Erfahren ihre Träume, Wünsche, Gedanken, Ängste, Sehnsüchte. Wir erleben ihre Stärke, ihr Geschick als Pharaonin, Kriegsführerin, Diplomatin. Wir beobachten ihren Einfluss nicht nur auf ihr, sondern auch auf das Römische Reich. Wir leiden mit ihr bei den unzähligen Rückschlägen und Enttäuschungen. Wir erobern mit ihr. Wir verlieben uns mit ihr und stellen uns der grausamen Realität. Am Ende, nachdem ich »Kleopatra« kaum aus der Hand legen konnte, habe ich das Gefühl, eine faszinierende, komplexe und facettenreiche Person kennengelernt zu haben. Ein Stück Wahrheit entdeckt zu haben. In einer Welt, in der Geschichtsschreibung eine eurozentrische HIStory aus Sicht der Sieger ist, ist dieser Roman ein Stück Aneignung, eine HERstory, ein neues Narrativ. Ich wünschte, es wäre mehr Wahres über Frauen wie Kleopatra überliefert. Ich bin froh, dass es Autor*innen wie El-Arifi gibt, die den Mut haben, diesen Frauen nachträglich eine Stimme zu geben. Denn ganz genau so will ich Geschichte lesen: aus Sicht der Frauen, die in ihr gewirkt haben.




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Daten zum Buch
Titel: Kleopatra
Autor*in: Saara El-Arifi
Sprache: Deutsch
Aus dem Englischen übersetzt von Volker Oldenburg
Verlag: Hoffmann und Campe
Paperback | 432 Seiten | ISBN: 978-3-455-02013-7

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