Rezension zu »Ruf der Leere« von Daniel Alvarenga
Sechs Menschen verbringen ein Wochenende in einer abgelegenen Waldhütte. Seit Wochen hat Felix dies herbeigefiebert, organisiert und geplant. Denn das Wochenende soll eine fulminante »Welcome Home«-Feier für seinen besten Freund sein, der frisch von seinem Auslandssemester heimkehrt. Doch die von Felix erhoffte Stimmung will nicht so richtig aufkommen. Dann steht ein alter, unheimlicher Mann vor der Tür. Er sei der Tod, behauptet er, und um Mitternacht kehre er zurück. Bis dahin habe die Gruppe Zeit, eine einzelne Person im Raum zu bestimmen, die leben darf – alle anderen nehme er mit. Obwohl niemand den Worten des Mannes glauben schenkt, kippt die Stimmung ab diesem Punkt vollends und die Gruppendynamik offenbart tiefe und lange schwelende Konflikte. Denn natürlich leidet der Alte unter Wahnvorstellungen – aber was, wenn nicht? Hält die Gruppe zusammen oder ist sich am Ende doch jede*r selbst der/die nächste? Zeitgleich sorgt sich Felix‘ Vater um seinen Sohn, der sich ihm in letzter Zeit vollends entzogen hat. Das Gespräch mit Felix‘ Ethikprofessor wirft zudem weitere Fragen auf – und einen schlimmen Verdacht.
Dieser Roman, dessen Titel für das psychologische Phänomen steht, wenn ein Mensch plötzlich den Impuls verspürt, ohne tatsächliche Absicht gefährliche Handlungen zu begehen, konnte mich leider nur sehr bedingt von sich überzeugen. Der Großteil der Handlung besteht aus Rückblenden, die uns die Personen und den Grund ihres Daseins in der Hütte näherbringen. Besonders Felix und seine Freundin und Kommilitonin Laura stehen hierbei im Fokus. Wir erfahren viel über ihr erstes Medizin-Semester und besonders über ihr gemeinsames Ethik-Seminar, das sich mit der Frage nach menschlicher Moral auseinandersetzt. Das Konzept von Moral unter dem Blickpunkt menschlicher und psychologischer Abgründe – ein spannender Ansatz, den das Buch für mein Gefühl aber mehr gestreift als behandelt hat. Dazu Themen wie Alkoholismus, Teenager-Schwangerschaften, Regretting Motherhood und Coming-out – hier ist viel los, aber alles bleibt leider so oberflächlich, dass es mehr wie das Verwenden von Trendthemen zum Storytelling anklingt als eine ernsthafte Auseinandersetzung mit komplexen Themen. Und genau das – die Behandlung von komplexen Themen in einem zeitgeschichtlich interessanten Rahmen – ist es, womit mich Alvarenga in seinem Debüt »Hundswut« fesseln und überzeugen konnte. Dort wurde Stimmung kreiert, der Geschichte Raum gegeben, die Lesenden überrascht, schockiert, emotional abgeholt und gefordert. Mit dieser Erwartungshaltung konnte »Ruf der Leere« für mich leider nicht annähernd mithalten. Trotz gutem Lesefluss war mir die Handlung zu dünn, die Beschreibung irreführend, die Dialoge zu unnatürlich, das Ende zu gewollt offen und das Buch in Gänze leider wie sein Titel … etwas leer.
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