Rezension zu »Shy Girl« von Mia Ballard

Gia ist dreißig, seit einiger Zeit arbeitslos und pleite. Die wenigen Ersparnisse sind inzwischen aufgebraucht, wie sie die nächste Miete bezahlen soll, weiß sie nicht. Um Geld bitten kann sie niemanden, ihre Mutter hat die Familie verlassen, als sie klein war, ihr Vater ist ein Alkoholiker, der selbst kaum über die Runden kommt. Als ihr eine Freundin rät, sich einen Sugar Daddy zu suchen, zögert Gia zunächst. Ist das wirklich die Art und Weise, wie sie Geld verdienen möchte? Doch eine Wahl bleibt ihr mangels Alternativen nicht wirklich. Kaum ist ihr Profil erstellt, erreichen sie die ersten Nachrichten von älteren Männern. Darunter ist auch Nathan, der auf den ersten Blick einen normalen, unbedenklichen Eindruck macht. Sie verabreden sich, lernen sich kennen. Doch was Nathan von Gia möchte, kommt unerwartet: Er will keine Freundin, sondern einen Hund. Für acht Stunden am Tag soll sie zu seinem Hund werden, auf allen Vieren, devot, bellen statt sprechen, jegliches menschliche Verhalten ablegen, ein Verstoß gegen seine Regeln führe zu Bestrafungen. Sie lerne sicher schnell, sagt Nathan. Sein Angebot: 2.400 Dollar für jede Woche ihrer Arbeit und die Tilgung ihrer angesammelten Schulden. Gia wird schwindelig bei der schieren Vorstellung des Geldes, die Lösung all ihrer Sorgen und Probleme – nicht nur für den Moment, sondern langfristig. Erst hadert sie, doch das Angebot ist zu verlockend. Nathan beantwortet ihr alle Fragen, nimmt ihr ihre Angst. Also willigt sie ein, stimmt einem Versuch zu. Erzählt niemandem davon, zu groß die Scham. Die ersten acht Stunden als Hund sind herausfordernd und ungewohnt, aber machbar, der Sex weniger schlimm als befürchtet. Nach einer Nacht zusammengekauert im Zwinger freut sich Gia auf eine Dusche, ihr Bett – und das Stehen auf zwei Beinen. Doch Nathan hat andere Pläne. Sie sei ein zu braver Hund, um jetzt schon aufzuhören, befindet er. Und beschließt, sie zu behalten. Die Frau Gia ist Vergangenheit, von nun an ist sie Shy Girl, seine Hündin. Solange er möchte.

Was machst du, wenn du mit einem Mann nach Hause gehst – und er dich schlicht nicht mehr gehen lässt? Dir deine Stimme, deine Autonomie, deinen Willen, deine Menschlichkeit, ja, dein ganzes Selbst nimmt und du absolut nichts tun kannst, außer dich zu fügen oder mit körperlichem und seelischem Missbrauch als Bestrafung zu leben, sollte doch noch ein Rest Auflehnung in dir stecken? Immer in der Angst, deine nächste Auflehnung könnte dein Todesurteil sein, oder, noch schlimmer: langsame, stufenweise Folter, bis du den Tod als Erlösung herbeisehnst – und der Albtraum, der inzwischen dein Leben ist, von Neuem beginnt? Was machst du, wenn du in deinen Gedanken gefangen bist, langsam den Bezug zur Realität verlierst und in jeder Hinsicht abhängig bist von einem Monster? Wie vielen Frauen auf dieser Welt geht es auf sehr reale Weise genau jetzt genau so? Und wie wenig würde es brauchen, bis es dir so geht?

»Shy Girl« ist kein Buch für schwache Nerven. Kein Buch, das nach dem Lesen in Vergessenheit gerät. Mein Puls raste, das Adrenalin ging hoch, mir kamen unkontrolliert die Tränen. Ich hatte reale, spürbare Angst beim Lesen. Wollte das Buch stellenweise weglegen und konnte doch nicht – konnte Gia nicht alleine lassen in ihrem Albtraum, musste da sein, wenn auch nur als stumme, handlungsunfähige Zeugin ihres Terrors. »Shy Girl« hat sich mir eingebrannt, hat sich durch meine Ängste gefressen bis es diese tief verwurzelte Ur-Angst in mir gefunden hat, ausgeliefert und gefangen zu sein. Die Angst vor Männern wie Nathan. Die Angst, ein Monster erst als solches zu erkennen, wenn es zu spät ist dafür. Es ist ein grausames Buch, ein brutales Buch, ein schreckliches Buch, eben weil es sich viel zu real und realistisch anfühlt. Es ist ein Buch, das ich nur denen raten würde, die sich die Lektüre wirklich emotional zutrauen. Aber falls ja, dann lest »Shy Girl«. Es lohnt sich so unglaublich sehr. Es ist nämlich auch eins der besten Bücher, die ich je gelesen habe. So intensiv und gut geschrieben, dass mir jede Distanz verloren ging. Es ist mit ziemlicher Sicherheit das intensivste Buch, das ich bisher über Gewalt an Frauen gelesen habe. Es ist ein unglaublich starkes, bildgewaltiges Buch über Female Rage, über weibliche Selbstermächtigung, über Kontrolle und Macht. Es ist Realität und magischer Realismus, Body Horror und einfach verdammt absurd gut. Denn: When he’s the predator and you’re his prey, the only chance of survival is to become a beast yourself.

Dieses Buch wird mich noch lange verfolgen.




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Daten zum Buch
Titel: Shy Girl
Autor*in: Mia Ballard
Sprache: Englisch
Verlag: Headline
Taschenbuch | 344 Seiten | ISBN: 978-1-03-543792-4

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