Rezension zu »Der Sommer der schlafenden Hunde« von Laura Dürrschmidt

Beste Freundin, schlimmste Feindin, immer wieder auch Geliebte. Für Lena ist Trice alles, Dreh- und Angelpunkt ihrer Welt, seit sie sich als Jugendliche begegnet sind. In der neuen Schule in der Vorstadt hat Lena damals kaum Anschluss gefunden, bis sie Zugang zur Clique um Trice bekommen hat. Von da ist das Leben ein Rausch voller Alkohol, heimlichem Fight Club und ausufernden Kellerpartys, ist Trice' Nähe und Aufmerksamkeit süchtig machend, die anderen doch bloß Rand- und Nebenfiguren. Bis auf Sascha, die Trice für Lenas Geschmack viel zu wichtig ist. Denn Lenas ständiger Begleiter ist die panische, oft auch manische Angst, von Trice fallen gelassen zu werden. Eine toxische Dreiecksbeziehung entspinnt, die sich im Laufe der Schulzeit zuspitzt, gefährlich, körperlich gewaltvoll wird – und im letzten Schuljahr eskaliert als Sascha stirbt. Inzwischen befinden sich Lena und Trice in ihren Zwanzigern, leben in Frankfurt, aber nicht mehr in einer Wohnung, denn zusammenleben können die beiden nicht. Nicht, dass sie es nicht mehrmals versucht hätten. Aus komplizierten Jugendgefühlen wurde eine noch kompliziertere, erwachsenere Hassliebe. Sie brauchen einander, können nicht ohne einander und können sich gleichzeitig die meiste Zeit über nicht ertragen. Noch immer weiß Lena nicht, wer sie ohne Trice sein könnte. Umso schlimmer ist es für sie, als Trice plötzlich einen neuen Mitbewohner findet. Keinen Unbekannten, nein, sondern jemanden aus der alten Clique. Wieder ist da jemand, der sich zwischen Lena und Trice drängt, so kommt es Lena zumindest vor. Jemand, der ihr etwas wegnehmen könnte, eine Gefahr sein könnte. Ein heißer Sommer liegt vor ihnen. Ein Sommer, in dem sich unangenehme Wahrheiten und verdrängte Erinnerungen ihren Weg zurück ins Bewusstsein erkämpfen und die Beziehung zwischen Lena und Trice auf eine harte Belastungsprobe stellen. Denn die Wahrheit über das, was einst in einem anderen heißen Sommer wirklich mit Sascha passiert ist – und welchen Anteil Trice und Lena daran hatten –, die lauert noch immer im Verborgenen.

Ich habe schon viele Geschichten über Freundinnenschaften gelesen, aber noch keine wie »Der Sommer der schlafenden Hunde«. Denn dieser Roman ist auf besondere Weise verworren, überraschend düster, getrieben und mit einem feinen Gespür für zwischenmenschliche Abgründe erzählt. Gewaltvoll wäre wohl das erste Wort, das mir in den Sinn kommen würde. Denn dieser Roman trifft genau dahin, wo es weh tut, ein gezielter Schlag in die Magengrube. An Gewalt mangelt es dieser Geschichte nicht. Das sind junge Frauen, die ihre Unstimmigkeiten durch Schläge, Tritte, Bisse klären. Das sind junge Frauen voller brodelndem Gewaltpotenzial, mangelnder Impulskontrolle und Überforderung ob der Lebensphase, in er sie sich befinden. Es ist subtile Kritik am Patriarchat, die das Erwachsenwerden für junge Frauen so sinnlos schwierig macht. Das weibliches Konkurrenzdenken, Vergleiche und Ängste fördert und einen allein lässt im viel zu viel. Es ist eine faszinierende Auseinandersetzung mit der Frage nach Schuld und Verdrängung, toxischen Beziehungen, eigenverantwortlichem Handeln und wiederkehrenden Grenzüberschreitungen. Dieses Buch ist laut und flirrend, aggressiv und leise, bemerkenswert ehrlich, schonungslos direkt. Ein Sommer, viel zu heiß, um nicht den Bezug zu Realität und Gegenwart zu verlieren. Ein Sommer, so erdrückend schwer, dass er etwas auslöst in den Menschen. Eine innere Unruhe, eine Wiederkehr der Gewalt, alte Geheimnisse und lange überfällige Erklärungsnot, die über Lena und Trice hereinbricht wie ein unerbittliches Sommergewitter. Ein dunkles, verworrenes Coming-of-Age, das mich soghaft für sich eingenommen hat.



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Daten zum Buch
Titel: Der Sommer der schlafenden Hunde
Autor*in: Laura Dürrschmidt
Sprache: Deutsch
Verlag: Aufbau
Hardcover | 432 Seiten | ISBN: 978-3-351-04268-4

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