Rezension zu »Fuckgirl« von Bianca Jankovska
»Es gibt Männer, die lieben Frauen; und es gibt Männer, die mögen Frauen. Frauen zu lieben, ist leicht. Es ist leicht, sie zu objektifizieren, zu sexualisieren, sie zu sich nach Hause einzuladen, mit oberflächlichen Gesten zu beeindrucken, zu ficken. [...] Aber kein Mann muss dafür irgendjemanden mögen. [...] Frauen zu mögen, scheint viele Männer eine große Überwindung zu kosten.«
Aufgewachsen in einer dysfunktionalen, patriarchal geprägten Familie mit weiblichen Vorbildern, die ihr Ehe- und Lebensunglück Zeit ihres Lebens stillschweigend ertragen, und nach dem enttäuschenden Ende ihrer ersten großen Liebe nach Losers Betrug, reicht es Fuckgirl. Ein für alle Mal. Also legt die erfolgreiche Performance-Künstlerin sie ab, alle misogynen Erwartungen an ihr biologisches Geschlecht. Sie wird zu dem, was Frauen im 21. Jahrhundert in der Theorie schon längst zusteht und doch alle Männer fürchten: zu einer selbstbewussten, unabhängigen und sexuell hungrigen Frau. Hate her or love her, fuckgirl gives a shit. Während sie sich getreu ihrer einseitig offenen Beziehung nach Lust und Laune durch die Betten der Hauptstadt schläft, bleibt ihr Mann ihr treu und zuhause, erwartet sie mit einem fertigen Abendessen und der Frage nach ihrem Tag. Das ist der Deal für ihre Ehe: Sie darf alles, er nicht. Ein Modell, das für beide ganz hervorragend funktioniert. Bis Fuckgirl ein Sex-Date mit einem Neuen hat und durch Zufall herausfindet, dass Daddy nicht so ungebunden ist, wie angegeben, sondern in Wahrheit Frau und Kind zuhause hat. In Fuckgirl brodelt es, weiß sie doch aus eigener schmerzlicher Erfahrung mit Loser, wie sich ein derartiger Vertrauensbruch für den/die Betrogene anfühlt. Aus weiblicher Solidarität macht sie Daddys Frau ausfindig, erzählt ihr von seinem Betrug – und beschließt, sich an ihm zu rächen. Stellvertretend für seine Frau, stellvertretend für ihre Erfahrung mit Loser, stellvertretend für jede Frau, die einen Mann wie Daddy in ihrem Leben hat. Gleichzeitig lernt sie den Journalisten kennen, einen Mann, mit dem sie absolut nichts gemeinsam hat, doch er hat etwas, dem sie nicht widerstehen kann, etwas Seltenes, etwas, das sie haben muss: Er hat den perfekten Schwanz. Also lässt sie sich auf ihn ein – und auf seine BDSM-Fantasien. Wo auch immer sie sie hinführen mögen, bis sie die Fäden nicht mehr so sicher in der Hand hält, wie erwartet. Denn wohin führt es eigentlich überhaupt, dieses Leben der sexuellen Selbstbestimmung?
»Keine Frau sollte im Patriarchat, das uns eine Wage Gap, Sexismus, Partnerschaftsgewalt, Diskriminierung und die Motherhood-Penalty beschert hat, auch noch für einen weißen Mann bezahlen und sich vorrangig um sein Wohlbefinden kümmern müssen.«
»Fuckgirl« war cool, war wild, war direkt, war faszinierend und irgendwie anders als erwartet. »FEMALE REVENGE« steht riesengroß hinten auf der Rückseite. Und davon war es mir tatsächlich aufgrund der vom Buchmarketing ausgelösten Erwartungshaltung zu wenig. Ich habe mehr Rage erwartet, mehr what the fuck, eigentlich etwas, das fürs ganze Buch gilt. Was absolut nicht heißen soll, dass »Fuckgirl« kein gutes Buch war, denn ich habe es verschlungen, mit unglaublich viel Neugier gelesen, viele Stellen markiert, die feministische Stärke des Buchs steht definitiv im Vordergrund. Und doch, irgendetwas in mir ringt mit sich, fragt sich, ob mir der Take von »Fuckgirl« nicht zu sehr in eine umgekehrte Variante des typischen Fuckbois ging, ob sie für mich zu maskulin-stereotyp geprägt war anstatt die Rolle des Fuckgirls aus feministischer Sicht anderweitig und ganz neu zu beleuchten? Gleichzeitig zeigt das Porträt von Fuckgirl aber auch ganz fabelhaft auf, wie anders derartiges Verhalten bewertet werden kann, wenn sich eine Frau wie your average sex-craving und egoistischer Macho-Arsch verhält. Also war Fuckgirl vielleicht genau so, wie sie sein soll, um aufzuzeigen, dass selbstbestimmter Sex zwar wunderbar ist, mensch seinem Gegenüber aber auch im bedeutungslosen, anonymen Gelegenheitssex mit etwas Menschlichkeit begegnen sollte. Ich glaube, es sind die Widersprüche, die »Fuckgirl« so interessant machen und mich noch eine Weile beschäftigen werden. Es ist ein schriftstellerisch sehr faszinierendes und gekonntes Spiel mit Blickwinkeln und Erwartungen. Und unterhalb der obersten Schichten Latex vor allem auch ein Buch über die Komplexität von Beziehungen – die zu sich selbst und zu anderen. Die Beziehung zum Patriarchat und dem Frausein darin. »Fuckgirl« liefert keine Antwort, aber es spielt Varianten durch, zeigt Möglichkeiten und Grenzen, testet sie aus. Es ist diese besondere Art der Ambivalenz, die mir im Gedächtnis bleiben wird. Es hätte für mich noch härter sein dürfen, eine andere Richtung einschlagen (ich persönlich bin mit dem Ende nicht so happy), aber schlussendlich begegnet »Fuckgirl« seinen Leser*innen auf der Augenhöhe seiner Protagonistin: love it or hate it, fuckgirl gives a shit. Ich fand's richtig gut, nicht zuletzt, aber auch wegen seiner bitchy attitude.
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