Rezension zu »Little Hollywood« von Inga Hanka
»Das hier ist nicht das richtige Leben, das kann es nicht sein, denn es fühlt sich so falsch an und vor allem überhaupt nicht neu, sondern ganz genauso wie immer.«
Leo freut sich darauf, dass das echte Leben beginnt: die Abiturprüfungen frisch in der Tasche, warten endlich Sommer, Sonne, Freiheit und die Zukunft auf sie. Eine Zukunft, die Leo gleichermaßen Angst macht wie Hoffnung schenkt. Denn Leo träumt davon, die Kleinstadt zu verlassen, und in Köln zu studieren. Drehbuchautorin zu werden, ist ihr großer Traum. Doch reichen ihre Noten dafür? Und zerplatzt der Traum nicht am Ende sowieso am harten Boden der Realität? Auch der vermeintlich beste Sommer aller Zeiten hält nicht, was er verspricht: Leo streitet mit ihrer Mutter, die ihr Leben selbst eher schlecht als recht im Griff zu haben scheint, stellt eine Strafanzeige gegen ihren Vater, zu dem sie seit Jahren keinen Kontakt hat und der sich weigert, Unterhalt zu zahlen, kümmert sich um ihren kleinen Bruder, weil es sonst ja niemand tut, und auch Olli, der sie erst neulich geküsst hat, lässt sie aus dem Nichts sitzen. Da bleibt Leo nur noch ihr geliebter Zufluchtsort: Das Little Hollywood, die kleine Vinothek an der Ecke. Einziger Nachteil: Jo, ein Klassenkamerad mit Nebenjob in der Vinothek, der immer für sich bleibt, für Probleme sorgt, »Schnaps und Unfug« auf seinem Arm tätowiert hat und Leo jedes Mal zwingt, sich zwischen Wahrheit oder Pflicht zu entscheiden, wenn sie einen Film ausleihen möchte. Doch vielleicht ist das ja genau das, was Leo braucht? Zwischen dem Wunsch, das Leben in all seiner Fülle auszukosten und zu spüren, und der Angst vor Enttäuschung erlebt Leo in diesem unvergesslichen Sommer in den 90ern Momente außerhalb der gewohnten Sicherheit und jede Menge über sich selbst – auch, wie mensch es schafft, mutig zu sein, selbst dann, wenn es Angst macht.
»Es ist eine Luft, bei der man sich auf einmal fragt, warum man noch niemals in ein Schwimmbad eingebrochen ist, die einen umhüllt wie frisch gemähtes Gras, die sich anfühlt wie abends am Lagerfeuer sitzen und nachts in Unterwäsche baden gehen.«
Ich glaube, »Little Hollywood« ist magisch. Denn dieses Buch hat etwas ganz Feines, Leises, Wunderbares mit mir gemacht: Es hat wurde für mich während des Lesens zu dem, was das Little Hollywood für Leo ist, es wurde Zufluchts- und Wohlfühlort in einem. Es ist eine ganz wunderbare Coming-of-Age-Geschichte irgendwo zwischen der sommerlichen Leichtigkeit von »Das Leben fing im Sommer an« und der Ernsthaftigkeit und emotionalen Schwere von »22 Bahnen«. Ich fühlte mich beim Lesen wie in Watte gepackt und musste eben doch und trotzdem ab und an schlucken, hatte am Ende des Buchs Tränen in den Augen und das Gefühl, in all seiner Alltäglichkeit gerade etwas Besonderes erlebt zu haben. Dieser Roman ist 90s-Vibes ohne Ende, Filme und Musik einer Zeit, in der Disney wohl mit die besten Filme überhaupt gemacht hat, ist Erwachsenwerden und Jugend, Sommergefühle und Nostalgie. Und dabei ist dieser Roman so vielschichtig und emotional tief, denn Leos Familienverhältnisse sind keine leichten, ihre Unsicherheit vor der Zukunft real. Aber dieses Buch, das ist leicht. Auf die beste Art. Ich habe mich fallen lassen, habe mich in den Schreibstil von Inga Hanka verliebt, der etwas geschafft hat, das bei mir nur wenige Bücher schaffen: Ich habe mir Zeit genommen. Wollte jedes Wort bewusst wahrnehmen. Und war doch viel zu schnell am Ende. Denn weglegen konnte ich das Buch schlicht und ergreifend nicht. Am Ende bleibt mir nur zu sagen, dass ich mit »Little Hollywood« ein neues Herzensbuch gefunden habe und ich Leo das beste aller Leben wünsche. Ich glaube, sie lebt es. Irgendwo da draußen. Auch wenn sie sicher traurig sein wird, dass es Orte wie das Little Hollywood inzwischen nicht mehr gibt. Aber die Filme, die Kindheitserinnerungen und diese Sommer voller Möglichkeiten, die bleiben uns. Und so werde ich auch »Little Hollywood« eines Tages noch mal lesen, wenn ich einen Wohlfühlort wie »König der Löwen« in Buchform brauche. Ganz große Leseempfehlung für diesen Schatz von Buch.
»Ich fühle mich wie nach einem besonders guten Film, wenn die Geschichte noch nachhallt und in ihrem Schluss schon der nächste Anfang mitschwingt.«
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