Rezension zu »Restsommer« von Kea von Garnier

»Es ist nur so, dass ich, bevor ich mich den Rest meines Lebens nur noch mit Toten beschäftige, gern selbs richtig gelebt hätte.«

Dominiks weiteres Leben scheint vorgezeichnet: Vielleicht das Abi machen, realistischer jedoch vorher von der Schule gehen, Berufsschule, um was in der Tasche zu haben, anschließend in den väterlichen Familienbetrieb einsteigen, später dann das Bestattungsinstut, das der ganze Stolz und Lebensmittelpunkt seines alleinerziehenden Vaters ist, in dritter Generation übernehmen und fortführen. So jedenfalls der Plan, doch je näher das Ende der Schulzeit rückt, desto mehr Bauchweh hat Domi beim Gedanken an das, was vor ihm liegt. Klar, er fühlt sich überraschend wohl mit den Toten, ist geübt im Umgang mit Leichen wie Trauerenden gleichermaßen, unterstützt seinen Vater im Betrieb seit der denken kann und besonders, seit seine Mutter vor einem Jahr die Koffer gepackt hat und gegangen ist, um sich einen größeren Traum vom Leben zu verwirklichen, als die Dorfenge ihr bieten konnte. Doch will er wirklich sein ganzes Leben mit dem Tod verbringen? Vor allem dann, wenn er doch selbst noch gar nicht gelebt, nichts anderes erlebt und gesehen hat als das Wenige, das das Dorf zu bieten hat? Stehen ihm denn nicht auch eigene Träume zu wie seiner Mutter und seinem Vater? Als wäre das noch nicht kompliziert genug, taucht kurz vor den Sommerferien ein Neuer in der Klasse auf. Biff ist anders, kommt aus Berlin, ist direkt und mutig und unangepasst. Und obwohl Domi nicht so recht versteht, warum, schenkt Biff ausgerechnet ihm seine Aufmerksamkeit. Während der Sommer voranschreitet und die Ferien mit Freibad, Sonne und einem Hauch von Freiheit locken, fühlt sich Domi nicht nur zunehmend zu Biffs Lebenshunger angezogen, sondern auch zu Biff selbst.

»Egal, wie ich mich entscheide, von diesem Augenblick an wird es immer einer von zwei Wegen gewesen sein, für den ich mich entschieden habe. Und der, den ich nicht genommen habe, wird nie ganz Ruhe geben.«

Ich gestehe, mit Coming of Age kriegt die Buchwelt mich gerade – aber was soll ich denn bitte auch machen, wenn die Romane alle so gut sind? Und »Restsommer« ist da wirklich nicht die Ausnahme von der Regel, im Gegenteil. Ich bin ganz ohne Erwartungen reingegangen in dieses Buch und wurde von Domi und Biff mitgenommen auf eine emotionale, schöne, traurige Achterbahnfahrt, die sich so real anfühlte, dass es einfach nur richtig war. Eines Tages sind die beiden Figuren Kea von Garnier in ihren Gedanken begegnet und haben ihr ihre Geschichte erzählt, schreibt sie im Nachwort, und ich bin ihr so dankbar, dass sie es uns ermöglicht hat, die beiden ebenfalls kennenzulernen. Denn »Restsommer« ist etwas Besonderes. Etwas Schönes. Ganz unaufgeregt und authentisch wird hier von einer ersten Liebe erzählt, so aufregend und intensiv, das andere vermeintlich wichtige Dinge unwichtig werden im Angesicht des Herzklopfens, wenn Domi und Biff sich sehen. Beim Lesen denke ich unweigerlich zurück an diese Zeit in meinem Leben, überfordert von so vielen Gefühlen, erschlagen von der Ungewissheit und all den Möglichkeiten des Lebens, unsicher, wer ich bin, wo ich hin möchte, was mein Platz sein könnte im Leben, wer meine Menschen. Wie schön es war, Domi auf seiner Suche nach Antworten zu begleiten. Wie nahe mir seine innere Zerrissenheit ging, zwischen den Erwartungen des Vaters, der Abwesenheit der Mutter, den Meinungen der Lehrkräfte, der Peer Pressure der Gleichaltrigen, dem Gerede des Dorfes und den berauschenden, beängstigenden, brandneuen Gefühlen des Verliebtseins. Mit »Restsommer« gibt uns Kea von Garnier einen Roman zu lesen, der sich tiefgründig und ernsthaft mit den großen und ernsten Themen des Erwachsenwerdens auseinandersetzt und dabei nicht vor den unangenehmen Momenten zurückschreckt, sondern auch ein Licht wirft auf psychische Gesundheit, Trauerarbeit und queere Erfahrungswelten. Licht und Schatten, Liebe und Trauer, Sommer und Vergänglichkeit. Dieser Roman hat alles, was es braucht, um sich direkt ins Herz zu lesen.

» ›Aber am Ende ...‹, sagt er, ›kommt's drauf an, mit welchen Leuten du abhängst. Wenn die scheiße sind, ist alles fürn Arsch. Und mit den richigen Leuten passt's überall.‹ «




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Daten zum Buch
Titel: Restsommer
Autor*in: Kea von Garnier
Sprache: Deutsch
Verlag: Blessing
Hardcover | 400 Seiten | ISBN: 978-3-89667-785-3

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