Rezension zu »Unter Wasser« von Tara Menon
»In unserer Sprache gibt es keinen Platz für die Trauer um Freunde. Er wird vollkommen von der Liebe zu und dem Verlust von Geliebten in Beschlag genommen.«
Nach dem Tod ihrer Mutter verlässt Marissa als Kind mit ihrem Vater New York und zieht nach Thailand. Für ihn ist es eine Flucht vor einer Welt ohne seine Frau, ein Stürzen in die Arbeit als Meeresbiologe, das Fortführen ihres Vermächtnisses. Für Marissa ist es der Start eines neuen, anderen Lebens. Ein Umbruch, ein Zugang zu einer anderen Welt. Dort lernt sie Arielle kennen und zwischen den beiden entsteht eine Freundinnenschaft, die so eng ist, dass sie in Wahrheit doch mehr zu Schwestern werden. Arielle wird zum wichtigsten Menschen in Marissas Leben, ihr Bezugspunkt. Unter der Woche leben sie gemeinsam auf dem Festland im Resort von Arielles Eltern, die Wochenenden verbringen sie bei Marissas Vater auf einer nahen Insel. Im Resort begegnen sie Tourist*innen, verbringen sie Zeit mit Gleichaltrigen, hält das Draußen Einzug. Auf der Insel sind sie frei, wild, unbeobachtet, draußen. Sie tauchen mit den Mantarochen, die sie mit Namen kennen, laufen am Strand, erkunden die Riffe gleichermaßen wie die Wälder. Die Insel ist ein Leben ganz nah an den Wundern der Natur, das Resort ist der Schnittpunkt mit dem Rest der Welt. Alles ist gut, alles ist eine Version vom Paradies. Bis eine riesige Welle kommt. Jahre später lebt Marissa wieder in New York, schreibt plumpe Texte für Reisemagazine, um reiche Tourist*innen an Orte wie den zu locken, an dem sie groß geworden sie. Sie währenddessen war lange nicht mehr Zuhause, hat die Orientierung verloren, wird noch immer verfolgt von der Vergangenheit und dem unsagbaren Verlust, der alles überschattet hat. Jetzt, wo auch New York eine Naturkatastrophe droht, schwappt die Vergangenheit wieder hoch. Und Marissa gerät in einen Strudel der Erinnerung. Auf der Suche nach etwas, an dem sie sich festhalten kann, durchlebt sie noch einmal die schönsten und schlimmsten Momente ihrer Kindheit und Jugend.
»Doch wenn das Wasser einen an jemanden erinnert, dann gibt es kein Entkommen.«
Es gibt Bücher, bei denen fehlt es unglaublich schwer, Worte zu finden. Weil sie so eine innere Kraft ausströmen, die beeindruckt wie einschüchtert zugleich. »Unter Wasser« ist so ein Buch. Ein Buch, das einen Sog entfaltet, ein drohendes Unheil, das über den Seiten liegt und aufhörlich näherrückt. Auf eindrückliche, beängstigende, kraftvolle Weise schildert Tara Menon aus Marissas Persektive hautnah die Zerstörungskraft und Nachwirkungen des Tsunamis, der am 26. Dezember 2004 über Thailand und weitere 13 Länder im Indischen Ozean hereinbrach, sowie die beiden Tage im Vorfeld von Hurrikan Sandy im Oktober 2012 in New York. Es ist eine Art fiktiver und fiktionalisierter Augenzeug*innenbericht und dadurch schmerzlich nah und real. Es ist ein Bericht einer Überlebenden, einer, die seelische wie körperliche Narben davon getragen, Verluste erlitten hat. Es ist eine Warnung, die Klimakrise ernst zu nehmen, zu handeln, bevor es zu spät ist. Es ist ein Zeichnis der unvorstellbaren Kraft, die die Natur entfalten kann, in all ihrer Schönheit, in all ihrer Fragilität, in all ihrer indifferenten Zerstörungswut. Es ist eine Erinnerung an die Insignifikanz des Menschen im großen Ganzen des Universums und eben doch auch eine Hymne an die menschliche Resilienz, an Zusammenhalt, Anpassungsfähigkeit und die Fähigkeit zur Liebe. Es ist ein Roman über die übermenschlich großen Dinge im Leben und über die kleinen, alltäglichen. Über Freundinnenschaft, übers Erwachsenwerden, über Erfahrungen des Frauseins. Über Familie und über das Weitermachen, komme was da wolle. »Unter Wasser« ist intensiv, furchtbar, schön und lesenswert, in all seinen Facetten.
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