Rezension zu »Yesteryear« von Caro Claire Burke
»Sometimes it actually made me sick, how perfect my life was, and how good I was at living it.«
Natalie führt ein gottergebenes, traditionelles, perfektes Leben, das ihre Millionen Instagram-Follower*innen regelmäßig vor Neid erblassen lässt. Auf ihrer riesigen, einsamen Farm »Yesteryear« in Idaho lebt Natalie den Traum: fünf wunderschöne Kinder, die bildschirmfrei, behütet vor den Gefahren der Welt aufwachsen und Zuhause unterrichtet werden, das sechste ist auf dem Weg. Ihr Mann ist das perfekte Abbild eines attraktiven Cowboys. Das Farmhaus ist frisch renoviert und stilvoll eingerichtet. Auf der Farm bauen sie organisches Obst und Gemüse an, melken die Milchkühe selbst und versorgen die Hühner. Das Essen wird frisch gekocht und traditionell zubereitet, jedes Sauerteigbrot gelingt Natalie noch perfekter als das letzte. Ein traditonelles, erfülltes Leben mit klassischer Rollenverteilung, naturverbunden, Selbstversorgung. Und an allem, so scheint es, lässt Natalie ihre Follower*innen teilhaben. Dass sich hinter den Kulissen Nannies um die Kinder kümmern, dass eine Produzentin den perfekten Content dreht, dass zahlreiche Angestellte helfen, die Farm am Laufen zu halten, dass moderne Geräte wie Mikrowellen perfekt versteckt sind hinter der charmanten Fassade der auf alt getrimmten Farmhausküche, dass Natalie kaum Zeit mit ihren Kindern verbringt, dass Natalies Gedanken weniger gottesfürchtig als vielmehr beleidigend und berechnend sind, dass ihr Merch aus China stammt und und und – all das müssen Natalies Follwer*innen nicht wissen. Sie wollen schließlich der Realität entfliehen, ein Vorbild haben. Natalie versteht sich in erster Linie als Konzept, als Erfüllerin einer Sehnsucht nach einfacheren, vergangenen Zeiten. Doch jedes Konzept gerät früher oder später an einen Punkt, an dem es auf die Probe gestellt wird. Eines Morgen erwacht Natalie – in ihrem Bett, in ihrem Haus, mit ihrem Mann und ihren Kindern. Und obwohl alles vertraut erscheint, ist doch alles anders. Daneben. Sie ist nicht mehr schwanger, vor ihr sitzen vier Kinder, die ihr ähnlich sehen und sie Mama nennen, aber eben nicht die fünf Kinder sind, die es vor dem Schlafengehen waren. Und auch ihr Mann ist verändert. Härter, kälter, dominant. Doch nicht nur das: All der gewohnte Luxus, die Technik, ist weg. Ein Ofen statt der Heizung. Alles ist plötzlich ... alt. Wurde Natalie gekidnapt und in eine Variante ihrer Farm aus dem 1850ern verfrachtet? Von wem? Und zu welchem Zweck? Eine perfide Reality-Show? Ein perverser Trick? Ein Test von Gott? So wenig Natalie weiß, so sicher ist sie sich: Dies ist nicht ihr Leben. Und sie muss fliehen, um jeden Preis.
»The goal of an influencer is not to be lovable, and it is not to be unbearable. The goal is to be both at once. In other words: addicting.«
»Yesteryear« begegnete mir als Buch über eine amerikanische Tradwife, die sich plötzlich in der Realität ebenjener Zeit wiederfinden muss, die sie auf Social Media als so erstrebenswert porträtiert und romantisiert. Als wäre das nicht schon ein unglaublich vielversprechendes, interessantes Setting für einen Roman, war »Yesteryear« zu meiner großen Faszination noch weitaus mehr. Denn dieses Buch hat mich auf Arten überrascht, die ich nicht einmal annähernd habe kommen sehen. Dieses Buch hat mich so sehr in Beschlag genommen, dass ich nicht mehr dazu in der Lage war, es wegzulegen. Nur, um Ende fassungslos, schockiert, fasziniert, emotional fertig und einfach nur baff zu sein. Es gibt Bücher, die vergisst mensch nicht mehr. Das hier ist so eins. Warum? Das müsst ihr unbedingt selbst herausfinden. So viel aber kann und möchte ich sagen: »Yesteryear« ist eine spannende Milieustudie einer wachsenden und beunruhigenden Bewegung und zeigt anhand von Natalies Entwicklung von einer Teenagerin zur erwachsenen Frau und fünffachen Mutter auf, wie perfide und schleichend und heuchlerisch die Darstellung von Tradwives auf Social Media sein kann. Allgemein habe ich die Einblicke in die Entwicklung von Natalie von einem prviaten Instagram-Account mit fünf Follower*innen zu einem amerikaweit bekannten Status als Influencerin mit Millionenreichweite als sehr spannend empfunden. Ein Lachen für die Kamera, Kinder, die hungrig ins Bett gehen, weil die Mutter zwar den ganzen Tag kocht, aber eben nur für die Kamera und dabei die Realität vergisst. Die Gleichzeitigkeit von zwei Berufen, dem der Mutter und dem der Influencerin. Denn genau das ist es ja, was Tradwives tun: Sie existieren eben nicht nur, wie sie als den Daseinszweck guter Frauen propagieren, innerhalb der privaten Sphäre als fürsorgliche Mütter und devote Ehefrauen, sondern sind Teil der öffentlichen Sphäre und verdienen eigenes Geld. Diese Scheinheiligkeit, diese Doppelmoral, dieser äußere Schein, all das wurde so gut transportiert, dass sich der Roman alleine dafür lohnt. Und so hatte ich als Leserin, die ich in Rückblenden Stück für Stück Natalies Werdegang erfahren habe, auch nur bedingt Mitleid mit ihren neuen Realität in der Vergangenheit. Ernten, was man sät, heißt das Sprichwort, das wir hier literarisch in Perfektion angewandt zu lesen bekommen. Gleichzeitig ist da diese ständig präsente Neugier, rauszufinden, was genau es mit Natalies Zeitreise auf sich hat, die mich durch die Seiten hat fliegen lassen. In keiner Welt habe ich das Ende kommen sehen. Und so werde ich noch lange an »Yesteryear« denken, als eins der fesselndsten, faszinierendsten Bücher über die westliche Gesellschaft, den American Dream und Manifest Destiny, über Weiblichkeit und Rollenerwartungen. Unglaublich gut, messerscharf, intensiv, zutiefst kritisch, süchtigmachend – dieses Buch wird für Gesprächsstoff sorgen!
»After all: What were good Christian men if not experts at making their good Christian women vanish from the world?«
..................................................................

Kommentare
Kommentar veröffentlichen