Rezension zu »Die Dinner Party« von Viola van de Sandt
Für die Liebe ist Franca von Utrecht nach England gezogen. Ihr Studium hat sie abgebrochen, einen Job hat sie nicht. Sie könne sich erstmal aufs Schreiben konzentrieren, hat Andrew ihr damals generös angeboten, seiner Familie mangele es schließlich nicht an Geld. Ein Angebot zu verlockend, um es auszuschlagen. Auch wenn Franca seit Ewigkeiten nichts geschrieben hat, sie in London keine Kontakte außerhalb von Andrews Kreisen pflegt und in erster Linie ein Leben als »Hausfrau« führt. Als sie auf Andrews Wunsch hin an einem flirrenden Sommertag kurzfristig für ihn und seine Kollegen eine Dinnerparty schmeißen soll, beginnt die Fassade jedoch zu bröckeln. Der brandneue Kühlschrank fällt aus, das verhasste eingekaufte Fleisch vergammelt, der Alkohol fließt in Strömen und die Gemüter aller Anwensenden brodeln unaufhörlich hoch. Irgendwann ist ein Punkt erreicht, von dem aus es kein Zurück mehr geben kann. Diese Dinnerparty wird Franca lange Zeit später noch immer verfolgen. Auch wenn sie sich kaum an die Geschehnisse erinnern wird, weil sich Vergangenheit und Gegenwart, Realität und Manie zu einer ungreifbaren Masse vermischen werden, wird Franca in langwierigen Therapiestunden versuchen, diesen Abend und seine Bedeutung zu entwirren.
Das ganze Buch hinweg hatte ich das Gefühl, nicht richtig Zugang zu »Die Dinner Party« zu bekommen. Nur, um am Ende festzustellen, dass ich schon eine ganze Weile nahezu gefangen war in dieser Geschichte. Und ich glaube, darin liegt die Stärke dieses Buchs und des Erzählstils von Viola van de Sandt. Denn die Erzählung ist ungerichtet, düster, ungreifbar, unnahbar, so verworren und neblig wie Francas Erinnerungen an den Abend. Dass die gesamte Geschichte als Brief erzählt wird, den Franca an Harry, ihren besten Freund aus Uni-Zeiten schreibt, um für sich selbst Klarheit über den Ablauf und die Ereignisse der titelgebenden Dinnerparty zu finden, könnte also als Erzählform nicht passender und treffender sein. Wir Lesenden befinden uns mitten in Francas Gedanken- und Gefühlswelt, spüren die inneren Widerstände ihres Geistes, sich mit dem zu befassen, was sie seitdem verdrängt und sie trotzdem seit dem Abend quält und verfolgt. Da ist eine greifbare Angst, ein Unwohlsein zwischen den Seiten, während wir gemeinsam mit Franca Stück für Stück entschlüsseln, was geschehen ist. Es sind drei Schritte vorwärts und zwei zurück, vage und sprunghaft, und genau dadurch unglaublich authentisch. Wie ein Puzzle setzt sich am Ende eine Geschichte zusammen über toxische Beziehungsmuster, Machtgefälle, Einsamkeit und Wahn. Ein eindrückliches, emotional aufgeladenes und teilweise wirklich düsteres Debüt, das für mich an der ein oder anderen Stelle gerne noch expliziter in die Tiefe hätten gehen können, erzählerisch aber genau die Stimmung und das Leseerlebnis erzeugt, die beabsichtigt sind. Am Ende fühle ich mich auf eine gewollte, passende Art erschöpft, so erschöpft wie wir alle uns täglich fühlen in einer Welt, die regiert wird von patriarchaler Gewalt.
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