Rezension zu »Hofsommer« von Hanna Heim
»Wer sterben will, weil er jede Hoffnung verloren hat, sollte das dürfen.«
Fallera, das ist dieser idyllische Ort ihrer Kindheit und Jugend, der Pferdehof ihrer Großeltern im Osten der Provinz, auf dem Doreen gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrem Bruder aufgewachsen ist. Inzwischen lebt Doreen mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in einer kleinen Wohnung in München, ihr letzter Besuch auf Fallera liegt schon länger zurück, irgendwann ist sie dem Ort entwachsen, wollte mehr sehen und erleben, doch die nostalgischen Gefühle, die sind noch immer da. Die Dinge laufen in den gewohnten Bahnen des Alltags – bis Doreen ein Anruf ihrer Mutter ereilt. Fallera ruft, die Zeit eilt, denn ihre Großeltern haben beschlossen, zu sterben, freiwillig, gemeinsam und zu ihren Bedingungen. Denn Marie wird vom Krebs zerfressen und verliert nach und nach die Kontrolle über ihren Körper. Ein Schicksal, das sie sich ersparen möchte, sie hat ein würdevolles, selbstbestimmtes Ende verdient. Und Helmut? Der kann sich ein Leben ohne Marie sowieso nicht vorstellen. Außerdem schwinden seine Erinnerungen langsam, aber beharrlich. Nur Doreen, ihre geliebte Enkelin, noch einmal sehen, das wünschen sie sich sehnlichst, bevor der letzte große Schritt im Leben ansteht. Doreen fällt aus allen Wolken, ist fassungslos. Und so macht sie sich auf nach Fallera. Nicht, um Abschied zu nehmen, sondern um ihre Großeltern umzustimmen. In den kommenden Tagen treffen drei Dickköpfe aufeinander – und mit ihnen ganz unterschiedliche Vorstellungen vom Leben und Sterben. Doch nach und nach beginnt Doreen, zuzuhören und zu verstehen.
»Dass unsere Gesellschaft über das Sterben schweigt, nimmt uns die Möglichkeit, auf diesem letzten großen Weg, den wir alle gehen müssen, selbstbestimmt zu bleiben.«
»Hofsommer« hat mich fast sofort gefesselt und Seite für Seite mehr für sich eingenommen. Denn es ist ein Buch über eine der wenigen unvermeidlichen, alle Menschen auf dieser Welt betreffenden, unumstößlichen Tatsachen, nämlich, dass das Leben unweigerlich mit dem Tod endet. Doch wie wir mit dem Tod umgehen, welche Präsenz er in unserem Leben einnimmt, ob wir ihn fürchten oder akzeptieren, ob wir mit allen Mitteln versuchen, ihn abzuwehren, ihn so nehmen, wie er kommt, oder einen Weg finden, ihn auf die für uns beste Art willkommen zu heißen – das hat jede*r von uns selbst in der Hand. Oder sollte es zumindest. Denn der Schritt, den Marie und Helmut gehen wollen, der ist in unserer Gesellschaft nicht einfach zu gehen, löst Unverständnis aus und Steine im Weg. Weil Würde und Selbstbestimmung meist in dem Moment aufhören, in dem es ums Sterben geht. Und auch wenn der Tod in »Hofsommer« immer präsent ist, so erzählt dieser Roman mindestens genauso sehr auch vom Leben. Von Doreen und ihrer Mutter, von Marie und Helmut. Sie alle schwelgen in Erinnerungen, wie eine junge Marie einen jungen Helmut traf, wie sie die Liebe fanden, sich ein gemeinsames Leben aufbauten, Höhen und Tiefen durchlitten, sich mutig und gemeinsam den Wagnissen des Lebens entgegenstellten, eine Familie gründeten, den Hof aus der Liebe zu den Pferden heraus führten, ihre Enkelin liebten und aufwachsen sahen. Aber eben auch wie das Alter seinen Tribut fordert, voranschreitet, sie schwach werden und müde und krank. Es ist ein Buch über Familie und die Liebe, übers Festhalten und Loslassen, den Anfang und das Ende, über Mitgefühl und Menschlichkeit. Sie hat mich sehr berührt, diese Geschichte darüber, dass es wichtigere Dinge gibt, als an der eigenen Meinung und dem festzuhalten, was man selbst für das Richtige hält. Es ist ein Buch übers Zuhören. Ein wichtiges Buch über ein essenzielles, wichtiges Thema. Ein Beitrag zu einer Debatte, die es verdient, geführt zu werden. Feinfühlig erzählt Hanna Heim in diesem Roman vom gemeinsamen Tod ihrer Großeltern – ein Realitätsbezug, der dieses Leseerlebnis noch einmal ganz anders intensiviert und emotional werden lässt. Große Empfehlung für dieses wichtige, richtige und traurig-schöne Buch!
»Wenn wir uns für das Leben entscheiden, dann sollten wir es auch leben, in vollen Zügen.«
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