Rezension zu »Schon schwankte die Welt« von Feliticas Prokopetz
»So oft war ihr die eigene Wahrnehmung abgesprochen, so oft war sie belehrt, in Diskussionen verwickelt worden, es ließ sich nicht mehr zählen. Darauf, dass ein Mann sich eines Tages bei ihr dafür bedanken würde, dass sie eine Unterdrückungserfahrung als Frau mit ihm teilt, wäre sie nie gekommen.«
Ohne ihre beste Freundin Helene wäre Viktoria heute nicht da, wo die 43-jährige Biologin ist: in Wien, mit ihrer erwachsenen Tochter, die sie alleine mit tatkräftiger Unterstützung von großgezogen hat. Ein Leben, das es ihr erlaubt hat, mit 39 nochmal alles umzuschmeißen, von vorne anzufangen und sich ihren großen Traum zu erfüllen und ihre Zeit mit dem Erforschen des Verhaltens von Raben zu verbringen. Kein prestigeträchtiger oder gut bezahlter Job, aber erfüllend. Helene betrachtet Viktoria dabei mit einer gewissen Skepsis, sind die beiden doch wie Tag und Nacht. Die eine strukturiert, geordnet, vorausschauend, die andere intuitiv, sprunghaft, das Leben nehmend wie es kommt. Und obwohl die beiden gegensätzlicher nicht sein könnten und sich mit ihren Unterschieden manchmal fast zur Weißglut treiben, sind die beiden beste Freundinnen seit Kindertagen, verbindet die beiden ein gemeinsames Leben und eine tiefe Liebe. Dann tritt Polly in ihr Leben, der 25-jährige Student, der sich in einer komplett anderen Lebensrealität befindet und ganz anders ist als die Männer in ihrer Generation. Und obwohl fast zwanzig Jahre zwischen den beiden liegen, verlieben sie sich Hals über Kopf. Eine Beziehung beginnt, die von Helene wenig Zuspruch findet. Dabei hätte Viktoria diesen doch gerade so dringend nötig. Als dann auch noch ein einst von ihr von Hand aufgezogener Rabe nach Jahren wieder auftaucht, sie zu Hause und bei Helene besucht, sie zu verfolgen scheint, sich seltsam verhält und es fast den Anschein hat, als wolle er ihr etwas mitteilen, gerät Viktorias Welt in Gänze ins Wanken. Während Viktoria versucht, das Rätsel des Raben zu lösen, und herauszufinden, ob die frische Beziehung mit Polly eine Zukunft hat, geraten Helene und sie zunehmend an- und auseinander. Schaffen die beiden es, ihre Freundinnenschaft zu retten?
»Erst als das männliche Interesse an ihrem Äußeren langsam nachzulassen begann, war ihr schmerzhaft klar geworden, wie selten eine Frau für etwas anderes als ihr Aussehen im Alltag Anerkennung erfuhr.«
Eins vorneweg: Seit »Wir sitzen im Dickicht und weinen« bin ich ein großer Fan von Felicitas Prokopetz' Schreibstil. Und auch, wenn mich »Schon schwankte die Welt« emotional nicht ganz so sehr bzw. anders berührt hat – was hauptsächlich daran liegt, dass ich einfach persönlich sehr viel aus ihrem Debütroman mitnehmen konnte und mir hier der geteilte Erfahrungshorizont fehlte – habe ich auch auch diesen Roman wieder mit großer Freude gelesen. Die Erwartungshaltungen und Reaktionen von außen auf die Konstellation ältere Frau, jüngerer Mann finde ich immer wieder spannend und sehr aufschlussreich über den Stand unserer Gesellschaft im Hinblick auf gelebte Misognyie. Doch obwohl die sich entwickelnde Beziehung zwischen Viktoria und Polly mit ihren Herausforderungen viel Raum einnahm, steht etwas ganz anderes im Fokus dieses Buchs, nämlich Freundinnenschaft bzw. allgemeingültiger der Stellenwert und die Bedeutung von platonischer Liebe. Denn auch wenn sie nicht romantisch oder sexuell involviert sind, führen Viktoria und Helene eine tiefgehende Langzeitbeziehung, die Pflege Bedarf und ganz eigene Herausforderungen zu meistern hat. Zwei unterschiedliche Menschen, die viel miteinander erlebt und durchgemacht haben, die sich in und auswendig kennen und trotzdem noch gegenseitig (nicht immer auf angenehme Art) überraschen. Es sind allgemein tolle Einblicke in das Geflecht von Beziehungen, die wir hier erhalten: romantische, platonische und Mutter-Kind-Beziehungen. Letzteres etwas, worin Felicitas Prokopetz grandios ist. Doch es ist diese Raben-Geschichte, mit der dieser Roman es geschafft hat, mein Herz zu erweichen. Ein bisschen magisch-realistisch, ein bisschen Hoffnung und Wunschdenken, dass so eine Geschichte ganz vielleicht doch mehr realistisch als magisch sein könnte, ein bisschen Spannung und Rätsel und Alltagsmagie. Mehr möchte ich an dieser Stelle gar nicht verraten, denn diese Geschichte lohnt sich, selbst entdeckt zu werden. Ein kurzweiliges, faszinierendes, tolles Buch, das mir aufgrund der Raben noch eine ganze Weile im Gedächtnis bleiben wird. Hoffentlich gibt es schon bald Lesenachschub der Autorin!
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