Rezension zu »Wir in zehn Jahren« von Jessica Stanley

»Mutter, Schriftstellerin, Angestellte, Schwester, Freundin, Bürgerin, Tochter, (Quasi-)Ehefrau. Wenn sie nur eins davon wäre, käme sie vielleicht klar. Wenn sie versuchte, alles auf einmal zu sein, war sie, wie sie feststellte, nichts davon.«

Ein Haus, Kinder, einen Partner – es ist das Jahr 2022 und Coralie hat in vielerei Hinsicht, wovon andere träumen. Das, wovon auch sie lange geträumt hat. Und doch ist es nicht genug und zu viel zugleich. Coralie liebt ihre Kinder, liebt Adam. Und doch weiß sie, dass sie nicht mehr da sein wird, wenn Adam nach Hause kommt. Doch wie kam es zu diesem Moment, was ist passiert, um Coralie so weit zu bringen, Abstand von ihrer Familie und ihrem Leben zu brauchen? Wir springen zurück ins Jahr 2013: Die gebürtige Australierin lebt in London, ist fast 30, alleinstehend, glücklich. Sie träumt davon, Autorin zu werden, beruflich aufzusteigen, sich eines Tages in die richtige Person zu verlieben, gemeinsam eine Familie zu gründen. Nur heiraten, das will sie nicht. Da lernt sie durch einen Zufall, der fast ein Wink des Schicksals sein könnte, Adam und dessen vierjährige Tochter Zora kennen. Schnell verlieben sich die beiden, ziehen zusammen, werden eine Familie. Die Jahre vergehen. Während Coralie noch immer davon träumt, eigene Kinder zu bekommen, hat sie ihr Manuskript schon lange nicht mehr angeschaut. Adams Karriere als Politikjournalist, sein Schreiben nehmen viel Raum ein, immer muss er erst etwas schaffen, hechtet der nächsten Möglichkeit auf den großen Durchbruch hinterher, hält der drohende Brexit alle in Atmen, ist doch später noch immer Zeit für Kinder. Die Zeit vergeht weiter, Coralie wird schwanger, doch die Geburt verläuft anders als erhofft. Der Alltag mit Kleinkind, einem Vollzeitjob und einem abwesenden Partner stellt sie vor immer neue Herausforderungen. Während die Beziehung zwischen Coralie und Adam bröckelt, wünscht sie sich gleichzeitig bald nichts sehnlicher, als ein zweites Kind. Irgendwann sind zehn Jahre vergangen, seit sie sich kennengelernt haben. Coralie ist bald 40 und das Leben in jeder Hinsicht anders als mit Ende 20 erträumt. Wie viel ist unwiederbringlich verloren, wie viel noch zu retten in ihrer Beziehung – und wie schafft man es, sich in den Irrungen und Wirrungen des Lebens nicht gegenseitig zu verlieren?

»Wir in zehn Jahren« setzt genau da ein, wo die meisten Geschichten enden: nach dem vermeintlichen Happy End. Denn wenn sich Menschen finden und sich entscheiden, ihre Leben zu teilen, dann beginnt die Geschichte doch erst so richtig. Mit dem Wissen von der ersten Seite an, an welchem Punkt sich Coralie 10 Jahre nach dem Moment des Verliebens befindet, bekommt der Roman eine sehr faszinierende Ausgangssituation. Was war ich neugierig, herauszufinden, was zwischen Adam und Coralie passiert ist, wie aus zwei frisch Verliebten eine Beziehung am Scheideweg werden konnte. Und so habe ich Coralie über 10 Jahre ihres Lebens hinweg begleitet, bei allen Höhen und Tiefen, bei Verlusten und Erfolgen, bei schönen wie schmerzhaften Lebenserfahrungen. Eingerahmt werden diese 10 Jahre von den politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen Englands und der Welt, die die Zeit zwischen 2013 und 2022 geprägt haben. So ergibt sich hier eine Art Sozial- und Lebensstudie, eine Langzeitmomentaufnahme, ein Porträt eines Lebens und einer Liebe. Dass dieses Buch zwischendurch die ein oder andere Länge hatte, machte mir in dem Fall gar nichts aus, weil es passte. Weil auch das das Leben ist. Es passiert nicht immer spannendes, weltbewegendes. Manchmal ist es leise, eine Wiederholung von Alltagsmomenten, Kinder, die zur Schule gebracht, und Deadlines, die eingehalten werden müssen. Ich bin für die Dauer des Romans gerne eingetaucht in Coralies Leben, habe einen Eindruck bekommen, der sich echt angefühlt hat, konnte mich fesseln lassen von der Erzählung und hatte gleichzeitig Raum, über meine nächsten 10 Jahre nachzudenken, denn wie Coralie, werde auch ich in 10 Jahren 40 sein. Bin ich dann da, wo ich mir wünsche zu sein? Wie viele der Menschen, die jetzt bei mir sind, werden es dann noch sein? Werde ich mich verlieren, finden, zufrieden sein? »Wir in zehn Jahren« gibt dafür nicht nur ein einfühlsames Beispiel einer Lebens- und Beziehungsentwicklung mit auf den Weg, sondern auch den Mut, die Dinge auf einen zu kommen zu lassen, weil so viel unwägbar ist im Leben und es doch nie zu spät ist, das zu ändern, was in unserer Macht liegt.




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Daten zum Buch
Titel: Wir in zehn Jahren
Autor*in: Jessica Stanley
Sprache: Deutsch
Aus dem Englischen übersetzt von Claudia Voit
Verlag: DuMont
Hardcover | 368 Seiten | ISBN: 978-3-7558-0041-5

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