Rezension zu »Homesick« von Silvia Saunders
Das Erbe ihres toten Vaters kommt für Mara überraschend. Noch überraschender ist jedoch, dass es genug Geld ist, um sich Mitte zwanzig (zumindest als Anzahlung) eine eigene Wohung kaufen zu können. Endlich nicht mehr mit ihrem Kindheitsfreund zusammen leben müssen, mit dem sie inzwischen so gut wie gar nichts mehr gemeinsam hat. Endlich Freiraum, eigene vier Wände. Mara stürzt sich in die Wohnungssuche und stellt bald fest, dass es gar nicht so einfach ist, in London etwas zu finden, das bezahlbar ist und trotzdem schön. Doch London muss es sein, das steht für Mara fest. Sie liebt diese Stadt, sie liebt ihren Job als Bibliothekarin trotz ihres Chefs und diesen einen Kunden. Und Mara liebt Tom, ihren Freund. Der Lehrer wiederum liebt zwar Mara, London dafür aber umso weniger. Allgemein geht es Tom in letzter Zeit zunehmend schlecht, die Begeisterung für Maras neue Umstände fällt verhalten aus. Doch Mara lässt sich nicht beirren. Und so begleiten wir sie über einanviertel Jahre bei ihrem Leben, der Wohungssuche, dem Einzug, dem Zurechtfinden in der neuen Wohnsituation sowie bei ihrer persönlichen Entwicklung und nicht zuletzt auch in ihren Beziehungen – zu sich selbst, zu ihren neuen Nachbar*innen, zu ihren Freundinnen, ihrer Mutter, sich selbst und in der Beziehung zu Tom. Eins steht fest: Hätte man Mara zu Beginn dieser Zeit gesagt, wie ihr Leben einanviertel Jahre später aussehen, was das Erbe für Veränderungen herbeiführen würde: Sie hätte herzlich gelacht und dem/der Erzähler*in nicht geglaubt. Aber das Leben macht eben, was es will.
Hinter den Buchdeckeln von »Homesick« verbirgt sich ein ganz anderes Buch, als der Klappentext vermuten lässt. Etwas, das sich beim Lesen zumindest für mich als positive Überraschung herausgestellt hat, denn Maras Geschichte habei ich mit viel Spaß verfolgt. Es ist in erster Linie ein später Coming-of-Age einer jungen Frau mitte zwanzig, die in einer Großstadt ihren Weg sucht. Dabei thematisiert der Roman nicht nur das Zurechtfinden mit dem ersten Alleineleben, sondern eben auch andere Facetten des Erwachsenwerdens, beruflich wie privat. Ich fand es schön und authentisch zu verfolgen, wie sich die Beziehungen verändern, sobald sich die Rahmenbedingungen verändern. Nicht unwesentlich ist jedoch auch Tom bzw. vielmehr seine zunehmende Depression und wie sich diese auch auf Maras Leben auswirkt. Wie Mara und Tom miteinander und mit Toms Situation umgehen, nimmt einen großen Teil des Buchs ein und vermittelt einen Aspekt, der mir noch gar nicht so oft in Büchern begegnet ist, nämlich psychische Erkrankungen bei Männern. Trotzdem ist es ein leichter Roman, der sich angenehm wegliest, dabei gut unterhält, aber wohl keinen bleibenden Eindruck hinterlassen wird. Dafür fehlte mir das gewisse Etwas. Dennoch macht »Homesick« Spaß, hat eine gewisse Tiefe, die stellenweise noch tiefer hätte gehen können, und vermittelt ein ganz bestimmtes Gefühl eines bestimmten Lebensabschnitts. Ein gutes Buch für Zwischendurch, das seine Momente hat.
..................................................................

Kommentare
Kommentar veröffentlichen