Rezension zu »Just Watch Me« von Lior Torenberg

»Im Internet kannst du sein, wer immer du sein willst.«

Dell Danvers hat es aktuell alles andere als leicht: Nachdem sie ihr Studium geschmissen hat und auf einem Berg von Studienkrediten sitzt, wohnt sie zur überteuerten Miete in einem Ein-Zimmer-Apartment ohne Küche oder Bad, das noch dazu von Pflanzen zugewuchert wird, die sie günstig einkauft, aufzieht und dann online teuer weiterverkaufen will. Außerdme hat sie soeben einen weiteren Gelegenheitsjob mit geregeltem Einkommen hingeschmissen, weil sie genervt ist von allem und jedem. Vor allem auch vor ihrer Mutter, die ihr immer wieder schreibt und anruft, weil sie sich um Dell sorgt. Doch Dell antwortet nur sporadisch und drückt die Anrufe lieber weg. Generell fehlt ihr jedweder Antrieb oder Ambition. Was damit zusammenhängen könnte, dass ihre kleine Schwester seit knapp zwei Monaten im Koma liegt und die Ärzt*innen die Geräte abstellen wollen, weil es trotz Dells gegensätzlicher Meinung keine Hinweise auf eine Verbesserung gibt. Die einzige Möglichkeit wäre, die Behandlung privat zu übernehmen. Doch das kostet einen absurden Batzen Geld. Geld, das Dell aktuell an allen Enden fehlt. Sie weiß ja noch nicht mal, wie sie in einer Woche die Miete bezahlen soll. In ihrer Verzweiflung startet Dell auf LiveCast, einer Plattform, die sie sowieso ständig konsumiert, einen Livestream. Wer seine Zuschauer*innen unterhält, erhält von ihnen Spenden – und steigt im Ranking auf. Die Top-Streamer*innen können sich inzwischen aussuchen, wann sie live gehen, schalten Werbung, erhalten Kooperationsverträge und das große Geld. Dell, die als Newbie im 50.000er Ranking landet, nichts weiter als ein Traum. Aber wenn Dell eins ist, dann beharrlich. Also streamt sie, nonstop, eine Woche lang. Und zieht durch ihre »I don't give a fuck«-Attitude sowie durch ihre sich stetig steigernden Chili-Challenges ein zunehmend großes Publikum an. Dass sie kaum noch feste Nahrung zu sich nehmen kann und ihr Magen aufgrund seiner reinen Existenz rebelliert, scheint ein geringer Preis für all das Geld zu sein, das in der Ferne wartet. Doch je höher sie im Ranking steigt und je weiter die Woche voranschreitet, in der sie kaum eine Sekunde Privatsphäre hat, desto mehr entgleitet Dell die Kontrolle: über ihre Follower*innen, über ihr Leben und über ihre Grenzen davon, was sie bereit ist zu tun und zu zeigen, um fremde Menschen zufrieden zu stellen.

»In meinem Stream sind hunderteinundvierzig Viewer, mehr als echte Menschen um mich herum. Welches Publikum ist realer?«

Ich persönlich finde Bücher mit starken, interessanten Antiheld*innen ja richtig gut. Und »Just Watch Me« wartet zum Glück genau damit auf. Denn Dell ist ... speziell. Unsympathisch, faul, selbstgerecht, chaotisch, narzisstisch veranlagt. Und doch irgendwie gleichzeitig auf verquere Weise auch liebenswert. Denn Dell ist nur eine weitere junge Frau, irgendwo in New York, die überfordert ist vom Leben. Und die noch dazu einen schweren Schicksalsschlag zu verkraften hat. Auch wenn sie noch nicht dazu bereit ist und sich lieber in Verdrängung übt. Doch ihre Gefühle, die Wahrheit, wollen ans Licht und finden Wege, dies zu tun. Vielmehr aber noch ist »Just Watch Me« eine faszinierende Metapher für das Leben mit und in den Sozialen Medien: Selbstdarstellung, Schein statt Sein, Transparenz, Aufmerksamkeitssucht, Stalking, Belästigung, fake it til you make it, Grenzüberschreitung, gefährliche Challenges, Selbstüberschätzung, immer weiter, immer mehr, um ja relevant zu bleiben, Vermischung von Realität und Online-Fiktion – dieses Buch hat alles und mehr. Beim Lesen wurde ich eine von Dells Zuschauer*innen, habe sie eine Woche lang auf Schritt und Tritt begleitet, Zugang zu ihrem intimsten Innenleben erhalten, war ungefiltert Zeugin eines Lebens. Wollte intervenieren, sie vor sich selbst beschützen, war neugierig und wollte mehr. Und auch, wenn ich weiß, dass sich die Meinungen über Dell als Antiheldin und in der Folge auch die über das Buch wahrscheinlich spalten werden, bin ich der Meinung, dass sich das Lesen wirklich lohnt. Denn die Kunst von »Just Watch Me« liegt darin, uns allen, deren Leben off- und online stattfinden, einen Spiegel vorzuhalten. Uns fragen zu lassen, wie viel wir bereit wären, für Geld und Aufmerksamkeit zu tun, wenn wir beides so dringend bräuchten. Und während wir uns diese Fragen stellen und mit den Schattenseiten der Social Reality konfrontiert werden, zwingt uns Lior Torenberg durch die Perspektive der Lesenden unweigerlich dazu, die Rolle ebenjener Voyeur*innen einzunehmen, die ihre Protagonistin zu immer neuen Extremen pushen. Ein cooles, edgy Buch mit einer starken Message!

»Ob ich lebe oder sterbe, ist ihnen egal, solange sie nur gut unterhalten werden.«




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Daten zum Buch
Titel: Just Watch Me
Autor*in: Lior Torenberg
Sprache: Deutsch
Aus dem Englischen übersetzt von Anna Valerius
Verlag: Pola
Hardcover | 352 Seiten | ISBN: 978-3-7596-0061-5

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