Rezension zu »All die Farben, all das Licht« von Cora Wucherer

»Für alle in meinem Alter fängt jetzt die große Freiheit an. Sie können machen, was sie wollen, endlich über sich selbst bestimmen, Entscheidungen treffen, gegen ihre Eltern rebellieren oder gegen die ganze Welt. Aber für mich schließt sich eine Tür nach der anderen. Vielleicht hatte ich meine große Freiheit schon, und ich habe sie weder erkannt noch genutzt. Und jetzt ist es zu spät.«

Juna ist siebzehn und leidet am Usher-Syndrom, einer seltenen und komplizierten Krankheit, durch die sie nach und nach nicht nur ihr Gehör, sondern auch ihr Augenlicht verlieren wird. Eine furchtbare Gewissheit, besonders für eine Jugendliche, deren größter Traum es noch dazu ist, Malerin zu werden. Ein Traum, von dem sie nichts und niemand abbringen kann, nicht mal die drohende Blindheit. Hofft Juna zumindest. Ihre kleine, dreizehnjährige Schwester Martha hingegen hat mit ganz anderen Problemen zu kämpfen: mit der beginnenden Pubertät, den ersten Schmetterlingen im Bauch und der Unsichtbarkeit in ihrer Familie, drehen sich doch seit Jahren alle Gedanken und Sorgen ihres alleinerziehenden Vater nur um Juna und ihre Diagnose. Im Schatten ihrer kranken, begabten Schwester führt Martha ihr Leben seit sie denken kann, und aus eben jenem Schatten will sie verzweifelt ausbrechen. Dabei hilft es nicht, dass sich die beiden Schwestern ein Zimmer teilen müssen. Sich gegenseitig anzuschweigen und zu ignorieren ist eine Kunst, die beide perfektioniert haben. Doch als sich Junas Diagnose unerhofft verschlechtert, verändert sich alles. Auch die Schwesternbeziehung zwischen den beiden. Nach und nach werden Juna und Martha zu Verbündeten im Kampf gegen die Krankheit, die Grenzen des Jungseins und der unabwendbaren Zukunft.

»All die Farben, all das Licht« hat mich beim Lesen wirklich berührt und die ein oder andere Träne verdrücken lassen. Es ist auch, aber nicht nur, eine Coming-of-Age-Geschichte über die Tücken des Jungseins und das Manövrieren in sich verändernden Schwesternbeziehungen, sondern eine ernste und ernsthafte Auseinandersetzung mit Krankheit, Verlust und den schlechten Karten, die das Leben zuweilen spielt und dabei auch nicht vor der vermeintlichen Unbesiegbarkeit der Jugend Halt macht. Durch die wechselnden Perspektiven kam ich sowohl Juna als auch Martha beim Lesen emotional sehr nahe. Beide haben mich auf ihre Art und durch ihre jeweilige Geschichte berührt. Die junge, rebellische Martha, die so viel mehr will, als im Schatten ihrer Schwester zu stehen. Die Leben will und Abenteuer und Antworten auf so viele Fragen, auch auf die Fragen nach ihrer toten Mutter. Die unglaublich willensstarke Juna, die gleichzeitig noch so jung und schon so fokussiert ist. Die nicht verdient hat, was mit ihr passiert. Die nach einem Weg sucht, trotzdem alles wahr zu machen, was sie sich für ihr Leben wünscht: Kunst, Ruhm, Anerkennung, einen Platz in der Geschichte. Zwei Schwestern, so unterschiedlich wie Tag und Nacht und doch unweigerlich miteinander verbunden. Zwei Schwestern, die sich erst wieder finden müssen, für sich allein und gemeinsam, die sich zusammenraufen müssen, um sich der Welt zu stellen und ihre ganz eigenen Wege zu finden. Ich hätte die beiden gerne noch länger auf ihrer Reise begleitet, sie sind mir ans Herz gewachsen. »All die Farben, all das Licht« ist ein starkes Debüt, eine schöne Liebeserklärung an die Kraft und Macht der Kunst, und eine feinfühlige Auseinandersetzung mit Schwesternschaft und Familie, mit Krankheit und Verlust, mit Liebe und Akzeptanz.





..................................................................

Daten zum Buch
Titel: All die Farben, all das Licht
Autor*in: Cora Wucherer
Sprache: Deutsch
Verlag: Klett-Cotta
Hardcover | 320 Seiten | ISBN: 978-3-608-96704-3

Kommentare