Rezension zu »Freitauchen« von Anna Rosina Fischer

Seit sechs Jahren hat die 25-jährige Delphine ihre Familie nicht mehr gesehen. Damals ließ sie ihre Heimat, die kleine kanarische Insel El Hierro hinter sich, um in Norwegen ein neues Leben anzufangen. Frei und weit weg von El Hierro, ihrer Familie und dem Apnoetauchen als Familiengeschäft. Zu hoch der Druck ihres Vaters, zu panisch ihre Angst vor dem Meer nach einem tragischen Unfall. Nun kehrt sie zurück, um sich von ihrem Zwillingsbruder Dillon zu verabschieden, der bei einem Tauchunfall ums Leben kam. Delphines schlimmste Ängste, der Grund für ihre Flucht, sind Realität geworden. Alle sind sie da: ihre Eltern, Haushälterin Peaches, die Delphine immer schon mehr Mutter war als ihre eigene Mutter, die junge Aushilfe, der übermütige Tauchguide Bash, sogar ihr Onkel samt Frau, extra aus Frankreich angereist. Auch Yann ist da, der einst Dillons größter Konkurrent war und während ihrer Abwesenheit zu seinem besten Freund wurde. Seine Anwesenheit erträgt Delphine am wenigsten. Während die gegensätzliche Familie versucht, die Wunden des Verlusts zu heilen und die Trauer zu überwinden, geht der alltägliche Betrieb auf der Lodge weiter: Gäste kommen, für Yogakurse und um zu tauchen. Delphine währenddessen sehnt ihre Abreise herbei, fühlt sich fremd und allein und spürt überdeutlich, wie tief die Risse zwischen ihr und ihrer Familie gehen. Doch mit jedem Tag unter der brennenden kanarischen Sommersonne, die die Welt in eine staubige und flirrende Vulkanlandschaft verwandelt, kommen verdrängte Gedanken ans Licht. Erinnerungen, an Delphines Jugend. Fragen nach Dillons Todesumständen. Jedes Familienmitglied geht anders damit um, und Delphine kommt immer näher an ihre Grenzen im Umgang mit ihnen. Und immer wieder ist da auch Yann, der überall dort zu sein scheint, wo Dillon ihr fehlt.

Ich schreibe diese Rezension Wochen nachdem ich das Buch gelesen habe. Weil es mich nicht loslässt. Weil es mir immer noch Gänsehaut auslöst und Tränen hervorruft, wenn ich nur daran denke. Weil sich »Freitauchen« ganz leise in mein Herz geschlichen und sich dort festgesetzt hat. Ich glaube, ich habe dieses Buch genau im richigen Moment gelesen. Ohne jede Erwartungen. Und ich wurde überrascht und mitgerissen, wie es mir gar nicht mal so oft passiert in letzter Zeit. Das liegt vor allem auch an der Sprache, mit der Anna Rosina Fischer die Geschichte von Delphine, Dillon und Yann erzählt. Ein leiser Ton, aber unglaublich eindringlich. Bedacht, bewusst, voller Gefühl und Rauheit und Sanftheit. Der Schreibstil hätte nicht perfekter zur Atmosphäre dieses Buchs passen können. Ich war dort, auf dieser kleinen kanarischen Insel, umgeben von Hitze und Staub und Vulkangestein und Meer. Ich spürte den Schweiß auf der Haut, den leichten Sonnenbrand, roch den Salzgeruch des Meeres, hörte die Möwen kreischen und die Wellen an die Felsen branden. Und ich fühlte. Delphines Schmerz, ihren inneren Kampf mit ihren Emotionen und den Reaktionen ihrer Familie, die verwirrenden, sich intensivierenden Gefühle gegenüber Yann, all die Widersprüchlichkeiten dieses Sommers und des Lebens. Fühlte ihre verzweifelten Versuche, sich im wahrsten Sinne des Wortes freizutauchen. Von ihrer Familie, von der Vergangenheit, von ihren Schuldgefühlen und der Trauer. Dabei entsteht ein besonderes Buch, das einen ganz eigenen Zauber wirkt. Ich möchte gar nicht mehr verraten über die Geschichte, die auf euch wartet, denn ich glaube, nicht zu wissen, was euch erwartet, ist bei diesem Buch genau das richtige. Also atmet tief ein, taucht ein, haltet die Luft an so lange ihr könnt, und lasst euch mitreißen von diesem Sog, den »Freitauchen« entfaltet.




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Daten zum Buch
Titel: Freitauchen
Autor*in: Anna Rosina Fischer
Sprache: Deutsch
Verlag: Ecco
Hardcover | 352 Seiten | ISBN: 978-3-7530-0120-3

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