Rezension zu »Meine Berge bist du« von Francesco Vidotto
»Die Berge hier oben sind stille Begleiter eines ganzen Lebens. Sie markieren den Himmel mit ihrem schnittigen Profil und bezwingen die Zeit. Sie erinnern dich daran, dass es Dinge gibt, die nicht vergehen.«
In einem Dorf zu Füßen der Dolomiten wohnt der alte Guido Contin, genannt Cognac, alleine und zurückgezogen mit seiner Katze Moglie. Er spricht kaum und besitzt noch weniger. Doch in einer stürmischen Nacht sucht er Unterschlupf bei Francesco und sie kommen ins Gespräch. Denn Francesco hat vor Kurzem beim Klettern ein Bild einer ihm unbekannten Frau gefunden und mitgenommen. »Celeste«, sagt Guido Contin unerwartet, »die Frau von Santo und Schwägerin von Onesto«. Mehr erfährt Francesco nicht an diesem Abend. Als er Guido Contin am Tag darauf besucht, zeigt der ihm seinen wertvollsten Besitz: eine Mappe Truhe voller Briefe, geschrieben von Onesto, adressiert an die Gipfel der Dolomiten. Nach und nach liest Francesco die Briefe gemeinsam mit Guido Contin und erfährt Stück für Stück die Lebensgeschichte von Onesto: von dessen einschneidender Kindheit, dem Aufwachsen in ärmlichen Verhältnissen, von der unzertrennlichen Verbindung und tiefen Liebe zu seinem Zwillingsbruder Santo. Von Celeste, der Frau auf dem Foto, die in das Leben der beiden tritt und alles auf den Kopf stellt. Zwei Brüder, die sich in dieselbe Frau verlieben. Der offene Santo und der stille Onesto. Um die Beziehung zu seinem Bruder nicht zu gefährden, entscheidet sich Onesto dafür, Stillschweigen über seine wahren Gefühle zu wahren und verbringt sein Leben fortan in unerwiderter Liebe. Er wendet sich den Bergen zu, die ihm Hoffnung und Trost zugleich sind. Doch die Zeit steht nie still die Geschichte nimmt unweigerlich ihren Lauf.
Briefe, zu einer Erzählung geformt. Eine Geschichte, deren Ursprung in der Wahrheit liegt. Ein Roman, der durch sehr leise, bedachte Töne das Herz erobert. So ging es zumindest mir mit »Meine Berge bist du«. Denn die Lebensgeschichte von Onesto, Santo und Celeste, die Francesco hier übersetzt und verarbeitet hat, hat mich zutiefst berührt. Es scheint eine besondere Art zu sein, auf die italienische Autor*innen wie Fransesco Vidotto und Paolo Cognetti über die Berge schreiben, leise, mit der Kraft der Natur spürbar zwischen den Zeilen, mit wenigen Worten und viel Emotion, mit Raum für Gedanken und Gefühle und diesem Etwas, das ich nur als die Magie der Berge benennen kann. Von der Jahrhundertwende an über die Weltkriege hinweg erfahren wir Stück für Stück eine Geschichte, die zugleich unendlich persönlich und doch auch überindividuell ist. Denn Onestos Geschichte ist einerseits die eines Lebens, über Liebe und Familie, über Entscheidungen und Konsequenzen. Sie ist andererseits aber auch die Geschichte Italiens, die Geschichte der Dolomiten. Politisch, zeithistorisch, gesellschaftlich. Jahrzehnte an Erfahrungen, Veränderungen, einschneidenden Ereignissen, Wandel und Unausweichlichkeit in unzähligen Briefen an die Gipfel der Region. Ich habe mich für eine viel zu kurze Weile verloren in dem Roman, habe mitgefühlt und miterlebt. Habe diese Leben verfolgt, in deren Verläufe mir ein intimer Einblick gewährt wurde. Wie die Briefe für Guido Conti, so ist dieser Roman ein kleiner Schatz für mich geworden, Seiten voller Geschichte und Gefühl. Wie bereits »Acht Berge« habe ich auch für »Meine Berge bist du« einen Platz in meinem Herzen geschaffen, an dem Onestos Erbe weiterleben darf. Ich bin mir sehr sicher, dass dies nicht meine letzte Begegnung mit »Meine Berge bist du« gewesen sein wird, dass ich zurückkehren werde in dieses Dorf in den Dolomiten, um erneut zu fühlen, zu lachen und zu weinen.
»Die Beine sind müde, der Atem kurz und der Weg steil. Am liebsten würde man anhalten, aber man gibt nicht auf, weil man ahnt, dass einen nach der Mühe die Schönheit erwartet. So sind die Berge, so ist das Leben.«
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