Rezension zu »Tutto bene« von Laura Wagner

Bei Emmas Leben ist schon eine ganze Weile die Pause-Taste gedrückt. Ihr BWL-Studium hat sie geschmissen, seitdem arbeitet sie in einem Späti, hat nicht wirklich Freund*innen, dafür eine kaputte Familie: den Partner ihrer Mutter und deren aufrichtiges Interessen an ihrem Leben mag sie nicht, weswegen sie ihre Mutter meidet, und ihren einst so gepflegter Vater, von dem sie nicht nur ihre Fixierung aufs Materielle, sondern auch eine Essstörung und Suchtverhalten mit auf den Weg bekommen hat, hat sie zuletzt vor Jahren gesehen als er volltrunken und vermutlich obdachlos auf einer Parkpank schlief. Was Emma hat: furchtbare Angst vor Kalorien, nicht genug Geld für die Mengen an Müller-Thurgau und Kippen, die sie gerne hätte, um den Tag zu durchstehen slash ihr Leben zu vergessen, und einen Dauerkater, dessen Pflege ihr eigentlicher Vollzeitjob ist. Seit kurzem hat Emma auch Ingrid, eine aufgeweckte Fünfzehnjährige, die ausgerechnet im Späti ihr Schulpraktikum absolviert. Selbst den introvertieren Gamer und Stammkunden Udo hat Ingrid schon für sich erweicht, dabei hat Emma in all der Zeit keine fünf Worte mit ihm gewechselt. Doch auch Emmas harte Schale knack bei Ingrids Hartnäckigkeit. Denn Ingrid scheint sich in den Kopf gesetzt zu haben, den Menschen im Späti zu helfen. Ganz vielleicht, weil sie selbst auch Hilfe braucht. Und dann wäre da noch Leo, der gutaussehende Matrose von der Dating-App, in dem sich Emma schockverliebt hat, auch wenn sie sich das nicht eingestehen möchte. Dumm nur, dass Leo ein stabiles Leben führt und eine gewisse Stabilität auch bei seiner Partnerin als wünschenswert ansieht. Also genau das, womit Emma am wenigsten glänzt. Denn chronische, panische Bindungsangst ist nur eins von vielen Prolemen auf Emmas Liste. Darum verkackt sie es, regelmäßig. Doch wann immer Emma aufgeben und sich dem Müller-Thurgau hingeben möchte, ist Ingrid da. Und mit ihr ein leiser Hoffnungsschimmer. Alles tutto bene, oder?

Irgendwie will ich diese Rezension schreiben und will es doch nicht. Weil ich »Tutto bene« mögen möchte und das auf gewisse Weise auch tue und auf andere wieder nicht. Weil ich den Schreibstil liebe, diese trockene-freche Art, mit der Laura Wagner Emma eine Stimme verleiht, die wie die Faust aufs Auge passt. Weil ich Ingrid mindestens so sehr liebe wie ich Emma furchtbar fand. Weil sich der Roman irgendwie für mich anfühlt wie »22 Bahnen«, wenn in Tildas Leben was komplett schief gelaufen wäre und sie den Weg ihrer Mutter eingeschlagen hätte. Weil Ingrid mich ein bisschen an Ida erinnert, diese starke, zerbrechliche junge Frau, die sich zu ihrem eigenen auch den Schmerz der Welt aufhalst. Es gibt wirklich viel, warum ich »Tutto bene« mochte. Aber es gibt auch einiges, das mir nicht gefallen hat. So bleiben mir zu viele Fragen offen, zu viel ist unklar und uneindeutig. Emma ist am Ende, braucht dringend professionelle Hilfe, sagen ihr alle, aber scheiß drauf. Das ist okay, das ist roh und ehrlich, aber irgendwie auch unbefriedigend als Leseerlebnis, wenn ich die Storyline mit Leo in Kombination betrachte. Denn Emma projiziert ganz eindeutig, überträgt und relativiert. Anstatt sich darüber Gedanken zu machen, gesund zu werden, fließt all ihre Konzentration dahinein, Leo für sich zu gewinnen, wenn sie sich nicht gerade mal wieder in einem graduellen Zustand des Betrunkenseins in Selbstmitleid suhlt. Denn wenn sich erst Leo auch in sie verliebt, dann kann sie ja schließlich nicht so kaputt sein wie befürchtet, oder? Dieses Verhalten bzw. Denken ist mindestens problematisch, eigentlich toxisch, definitiv ungesund. Und dass das so stehen bleibt, dass mir die Message des Romans irgendwie fehlt, wenn sie nicht lauten möchte »the right person can heal you« (was sie wirklich nicht sollte), dann befürchte ich, dass ich den Roman zwar gerne gelesen und Ingrid in mein Herz geschlossen, ihn aber in seiner Absicht nicht wirklich verstanden habe. Überzeugt euch gerne selbst, überzeugt mich gerne eines Besseren, denn ich will »Tutto bene« wirklich gerne richtig gut finden, aktuell geht's mir allerdings ein bisschen so wie Emma wenn sie im Späti die Regale aufstockt und innerlich zuckt bei dem Gedanken an die Kaloriensummen.




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Daten zum Buch
Titel: Tutto Bene
Autor*in: Laura Wagner
Sprache: Deutsch
Verlag: DuMont
Hardcover | 288 Seiten | ISBN: 978-3-7558-0087-3

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