Rezension zu »Honey« von Imani Thompson
»Das Ding ist, ein junges Schwarzes Mädchen zu sein, heißt, dass die Welt nicht für dich gemacht ist. [...] Aber das Ding ist, weil die Welt nicht für dich gemacht ist, kannst du ganz genau sehen, wie sie funktioniert: wie die Puzzleteile der Macht sich zusammenfügen. Du fängst an, dich zu fragen – warum?«
Ysra ist meinungsstark, selbstbewusst, kritisch. Während sich ihre Doktorarbeit in die Länge zieht, lehrt sie in Cambridge und versucht, ihren Studierenden die Relevanz von Intersektionalität näher zu bringen. Ein Thema, das sie als Schwarze junge Frau nicht zuletzt auch persönlich beschäftigt. Von gelegentlichen hitzigen Diskussionen und den Möglichkeiten abgesehen, Studierende in ihre Schranken zu weisen, ist Ysras Alltag jedoch ziemlich banal. Bis sie in einem Café dem Mann gegenübersitzt, der nicht nur das Herz einer ihrer Freundinnen gebrochen, sondern in seiner Machtposition als Professor auch deren Forschungsergebnisse als seine ausgegeben hat. Eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, wie nicht nur Ysra findet. Darum sagt sie auch nichts, als – von ihm unbemerkt – eine Biene in seine Flasche Sanpelligrino fliegt – gut, vielleicht hat sie die Biene auch selbst dorthinein geschnippt, aber Gerechtigkeit findet zweilen eben kreative Wege. Dass der Professor dabei stirbt, war wiederum nicht vorherzusehen. Allerdings, so richtig schade ist es nicht um ihn. Und mit diesem ... nennen wir es Unfall davonzukommen, das löst in Ysra ein Gefühl aus, das sie schon lange nicht mehr gepürt hat: Aufregung, Freude, Erregung. Vorbei ist die träge Langeweile des Alltags, Ysra fühlt sich lebendig. So lebendig, dass sie bald schon zu überlegen beginnt, wer in ihrem Umfeld noch eine tödliche Begegnung mit der Gerechtigkeit vertragen könnte. Zum Glück mangelt es nicht an Männern, die sich auf die ein oder andere Weise schuldig gemacht haben. Wer wird Ysras nächstes Opfer sein?
»Honey« macht Spaß, von Anfang an. Denn »Honey« ist klug, bissig, eigenwillig humorvoll, genau richtig überspitzt und gesellschaftskritisch ohne Fingerzeig. Eine feine Gratwanderung, die Imani Thompson hier gekonnt umsetzt. Es ist genau diese Art der zugänglichen Literatur, von der ich nicht genug kriegen kann. Wir Leser*innen bekommen hier eine genial konstruierte Geschichte über Female Rage und Revenge, über Begierde, Kontrollsucht und -verlust, über gesellschaftlichen Bias durch einen Einblick in eine elitäre Welt, die sich zwar offen und aufgeschlossen gibt und dabei doch Stereotype, Vorurteile, misogyne und rassistische Verhaltensmuster reproduziert. Mit Ysra tauchen wir aus der perspektive einer Schwarzen Frau ein in diesen Balanceakt, der ihr Leben ist, werden wütend, wenn an sie Stereotype wie die Angry black woman oder auch eine Hypersexualisierung herangetragen werden. Es gelten andere Regeln für sie und diese Grauzonen hat sie gelernt, zu nutzen. Dass sie sie nun dafür nutzt, unbemerkt jene Männer zu töten, die auf die ein oder andere Weise Teil des Problems sind, ist so übertrieben wie passend geschrieben. Und während sich Ysra selbst als eine Art Heldin sieht und ich beim Lesen darüber nachgedacht habe, ob ihr Verhalten sie nicht vielleicht zur Soziopathin macht, und was es über mich aussagt, dass ich trotzdem möchte, dass sie auch mit dem nächsten Mord unbescholten davon kommt, wurde ich Seite um Seite mehr in den Bann von »Honey« gezogen. Einzig das Ende wird dem Buch meiner Meinung nach nicht gerecht, geht zu weit oder vielleicht auch nicht weit genug, schlägt eine Richtung ein, die für mich dazu geführt hat, dass ein Teil der potenziellen Schlagkraft des Romans verloren ging. Ihr solltet »Honey« trotzdem lesen, euch selbst überzeugen, denn in Summe ist dieses Buch so unterhaltsam wie klug und relevant.
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