Rezension zu »1999 Meter über dem Meer« von Caroline Wahl
Samara hat die Nase gestrichen voll vom Erwachsensein: Der spontane Bali-Trip war eine reine Enttäuschung. Erstens mag Samara gar kein Meer, zweitens sieht auf Instagram alles immer besser aus als in der Realität. Der erste Job in einer Marketing-Agentur, für den sie nach Berlin gezogen ist: langweilig. Anspruchslos. Ihre WG: auch nicht das Gelbe vom Ei. Nur der gutaussehende Fritz (groß, blond, eisblaue Augen), den sie auf einem fragwürdigen Buch-Event kennenlernt, auf dem sie sich ihm als Musikproduzentin Sam vorstellt, der geht ihr nicht mehr aus dem Kopf. Kurzum bietet er der Fremden an, ihr seine Wohnung in St. Moritz zur Verfügung zu stellen, sollte sie je Lust auf Berge haben. In den Bergen war Samara noch nie, aber sie hat das Gefühl, sie könnte der Berg-Typ sein. Kurzerhand lässt sich Samara zwei Wochen krankschreiben und bricht mit ihrem Cabrio auf in den Süden des Landes. Erstmal Allgäu, in die nächstgelegenen Berge. In Oberstdorf merkt sie: Hier ist tatsächlich alles so idyllisch wie die Fotos vermuten. Die Menschen auf dem Dorf sind nett, etwas zu neugierig vielleicht. Also wird sie prompt zur angehenden Ärztin Lena, die für den New York Marathon trainiert und vor dem Start ins Berufsleben nochmal durch schnaufen möchte. Woher all die Lügen plötzlich kommen, weiß Samara auch nicht so recht. Doch sie rennt weg vor ihrer Angst und vielleicht klappt das nur, wenn sie jemand anders ist. Als das Lügenkonstrukt zusammenbricht, ergreift sie erneut die Flucht. Diesmal nach St. Moritz, in die Wohnung von Fritz: höhere Berge, neuer Look, eine weitere Variante ihrer selbst. Künstlerin und Fotografin Resa ist geboren. Schnell fühlt sie sich wohl in dieser Schickimicki-Welt, lernt eine Gruppe junger Menschen mit zu viel Geld kennen, verbringt ihre Zeit mit ihnen: Champagner, Amaretto Sour, Kaviar. Alles vom Feinsten, alles exklusiv und teuer, ein Rausch aus Party, Reichtum und zu viel Alkohol. Dumm nur, dass die Menschen dort ihr ihre Masche abkaufen und plötzlich eine Ausstellung mit ihr organisieren wollen. Dumm nur, dass Fritz sie als Sam kennt und plötzlich vor der Tür steht. Dumm nur, dass sie es einfach nicht bis ganz nach oben auf den Gipfel schafft.
Mit »1999 Meter über dem Meer« kehren wir zurück ins Universum von »22 Bahnen«, verfolgen Idas beste Freundin Samara aus »Windstärke 17« bei ihrem sehr eigenwilligen Coming of Age. Frech und eigensinnig ist Samara. Unangepasst, direkt und polarisierend. Sie fährt, das Meer hassend und in der Vermutung, die Berge zu lieben, mit Zigarette in der Hand, einem pappsüßem Getränk neben ihr und einer Vorliebe für Trash-TV, in ihrem Cabrio dem verheißungsvollen Ruf der Freiheit entgegen. Wannabe-Hochstaplerin trifft hier auf Peter-Pan-Komplex. Mercedes statt BMW, Milchdrink einer fragwürdigen Marke statt Energy-Drink. Genug Differenzen, um Protagonistin und Autorin zu unterscheiden. Genug Parallelen beziehungsweise genau die richtigen Gegensätze, um eben doch (sehr sicher gewollte) Spekulationen über die Trennung von Autorin und Werk herbeizuführen. Samara nimmt sich, was sie will, ohne zu wissen, was sie will. Verliebt und verliert sich im Leben der Reichen und Schönen. Eine Bossbitch, if there ever was one. Doch hinter der Fassade aus Provokation, Trotz und »I don’t give a fuck«-Attitude versteckt sich eine unsichere, einsame junge Frau, voller Ängste, Sorgen und dem mangelnden Selbstwert, nicht zu genügen. »1999 Meter über dem Meer« liest sich als Schnittstelle der alten und der neuen Caro Wahl: Einerseits kehren wir zurück zu den Anfängen, wir finden die gewohnte Scharfzüngigkeit und diese Dialoge, die keine kann wie Caro Wahl. Andererseits will auch dieser Roman wie bereits »Die Assistentin« provozieren. Popkultur in Buchform, aber auch Markennennungen und Vergleiche, die nicht sein müssten und rein dem Zweck der Provokation entsprungen sein zu scheinen. Wie passend und doch schade ist es da, dass Caro Wahl ihre Protagonistin – abgesehen von ihrem eigenen Roman – nur Kanon-Literatur alter Männer lesen lässt. Währenddessen fallen interessante, wichtige Themen durch das Raster hindurch: Samaras Migrationshintergrund, das generationsübergreifende Gefühl der Fremdheit im Land, ihre nicht näher bestimmte, aber sehr präsente und sicher pathologische Angst, vor der sie flieht. Hier wäre so viel Raum gewesen, mehr zu schaffen als reine Unterhaltung mit herbem Beigeschmack. Ja, ich fühlte mich gut unterhalten. Musste stellenweise schmunzeln, aber genauso oft, wenn nicht öfter, auch den Kopf schütteln. Ich verbleibe zwiegespalten, denn »1999 Meter über dem Meer« war weder gut noch schlecht, Geschmackssache am ehesten. Ein Roman wie seine Protagonistin: im Höhenrausch, ohne den Gipfel je zu erreichen, dem ein wenig mehr Tiefgang meiner Meinung nach wirklich gut getan hätte.
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