Rezension zu »Habits of the Sea« von Shea Ernshaw
»And if you ever find yourself standing at the edge of everything, peering out across unnamed lands and shores, you may have to choose: this life, or the one waiting for you.«
Mit elf Jahren findet Ellie Mills kurz vorm Ertrinken eine geheimnisvolle Insel vor der Küste Novia Scotias: Eine Insel, die nicht da sein sollte. Eine Insel, die nur von einem einzigen Mann bewohnt wird. Clay Lockhart, der seit dreißig Jahren im Atlantik umhertreibt, den Gezeiten und Winden ausgesetzt, seit sich die Insel damals, 1952, nach einem schweren Sturm und dem Tod seiner Frau vom schottischen Festland gelöst hat. Clay, der seitdem kaum gealtert ist. Für Ellie sind Clay und seine Insel die Rettung vorm sicheren Tod. Dank seines einzigen Bootes schafft sie es zurück nach Hause. Doch nichts wird je wieder sein wie zuvor: Sie ist eine Sensation, denn was auf der Insel ein Tag war, war in der Wirklichkeit eine ganze Woche. Eine Woche, in der nach Ellie gesucht wurde, in der die Hoffnung langsam schwandt. Ein Phänomen, das Ellie sich nicht erklären kann. Denn die Insel ist nicht mehr da. Wer glaubt schon die Geschichte einer treibenden Insel, auf der die Zeit anders funktioniert? Und so verschwinden Clay und die Insel mit der Zeit in Ellies Unterbewusstsein. Doch loslassen wird sie sie nie ganz. Es bleibt ein Gefühl in ihr zurück, das sie nie ganz greifen kann. Wie viel Realität steckt in ihrer Erinnerung? Jahrzehnte später ist Ellie dreißig und noch immer schaut sie an regnerischen Tagen aus dem Fenster und denkt an die Insel, die nach diversen angeblichen Sichtungen inzwischen zu einer modernen Legende geworden ist. Ellie beschäftigen inzwischen ganz andere Dinge. Soll sie ihren Partner heiraten, der gut ist und sicher und mit dem Leben einfach wäre und schön, auch wenn sich ihr Leben nur halb richtig anfühlt und sie etwas in die Ferne zieht? Als erneut Gerüchte um die Sichtung der Insel laut werden, denkt Ellie nicht nach, lässt ihr Bauchgefühl entscheiden und springt kurzerhand ins nächste Flugzeug. Bevor sie eine Entscheidung über ihre Zukunft treffen kann, warten Fragen aus der Vergangenheit auf Antworten. Es grenzt an ein Wunder, dass Ellie die Insel ein zweites Mal sieht und es den Tücken der See zum Trotz zu ihr schafft. Dort gibt es noch immer nur Clay, der noch immer aussieht wie vor fast zwanzig Jahren, kaum einen Tag gealtert ist, und sein Farmhaus auf dem höchsten Hügel der Insel. Ohne Boot und damit ohne Weg weg von der Insel, bleibt Ellie nichts anderes übrig, als sich dem Leben dort anzupassen. Sich einzulassen auf die Mysterien der Insel und auf das Zusammenleben mit Clay, der seit nunmehr siebzig Jahren keine Gesellschaft hatte außer dem einen Tag mit der jungen Ellie. Während die Tage auf Saltwell Island vergehen und die Zeit in der anderen Welt verfliegt, kommen sich Ellie und Clay langsam näher. Und Ellie muss sich erneut fragen, was sie von ihrem Leben möchte: die Gewissheit einer sicheren Zukunft oder die unwägbaren Wunder und Mysterien, die da draußen auf sie warten.
»Habits of the Sea« war so viel mehr als ich erwartet habe und wird mich noch lange nicht los lassen. Denn ich habe noch nie eine Geschichte wie diese gelesen. Shea Ernshaw schafft es auf unfassbar fesselnde Art, eine Stimmung und Atmosphäre zu erschaffen, die einen ganz eigenen Bann erzeugt: düster, mystisch, verheißungsvoll. Stürmisch wie die See, poetisch und doch klar, leise wie eine geflüsterte Liebeserklärung und besonders. Eindringlich. Es ist eine Geschichte über die Unwägbarkeiten des Lebens, über die Unvorsehbarkeit von Morgen, über die Willkür von Zeit, über die Überlagerung von gestern, heute, morgen. Es ist eine Liebesgeschichte, die Jahrzehnte und Kontinente überspannt, die Hindernisse überwinden muss, im Großen wie im Kleinen. Es ist eine Geschichte über den Fortgang unserer Welt, über was, das sein könnte. Eine Fabel auf eine Art, ein modernes Märchen. Eine Geschichte, die sich leise in mein Herz geschlichen und sich dort einen Platz erobert hat. Mitgenommen in eine andere Zeit, einen andern Ort, habe ich mit Ellie und Clay mitgelebt. Habe mich treiben lassen, dem Strom des Meeres hingegeben, nicht wissend, wann wieder Land in Sicht sein, was mich als nächstes erwarten wird. Es ist eine Geschichte über Hoffnung und Glauben. An ein Morgen, an etwas, das größer ist als wir selbst, seien es die Gezeiten, die Ordnung der Welt oder das Wunder der Liebe. In diesem Roman stecken so viele Zeilen und Gedanken, die es wert sind, gelesen zu werden. Und deswegen werde ich eines Tages zurückkehren müssen zu Ellie, Clay und Saltwell Island. Weil ich so gefangen war in der Handlung, dass ich keine Stellen markieren konnte, weil ich nicht wollte, dass mich irgendetwas ablenkt von meinem Erleben. Weil mir die Insel fehlt. Weil mich die Insel, wie Ellie einst, nicht mehr loslässt. Weil sie nach dir ruft, wenn du einmal da warst. Weil da draußen Wunder und Abenteuer warten und eine Liebe, wie sie vielleicht nur im Märchen existiert. Wenn du den Ruf von Saltwell Island hörst, dann folge ihm. Tauche ein ins Ungewisse, ein in die Magie der Welt.
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