Rezension zu »Paradise Beach« von Dara Brexendorf

»Die Menstruation war etwas, das ihr passiert war. Das über sie gekommen war. Sie hatte es hinnehmen müssen. Das Ziehen, den Schwindel, die Übelkeit, das Fieber. Sie dachte, es gehöre dazu.«

Jahrelange Schmerzen, jahrelange unkontrollierbare Blutungen, jahrelange Scham für sich und ihren Körper. Das alles soll nach der OP und der anstehenden Hormontherapie im Rahmen ihrer Endometriose-Diagnose für Ada endlich ein Ende haben. Doch auch die Hormontherapie, die den Körper für die Dauer der Hormoneinnahme in den Zustand der Wechseljahre versetzen soll, fordert ihren Tribut, übernimmt ihren Körper, nimmt ihn Ada weg, führt zu neuen Schmerzen und Eigenheiten, lässt Tage und Nächte ineinander verschwimmen. Durchhalten. Bis es geschafft ist. Was ist ein verlorener Sommer schon gegen ein hoffentlich endlich schmerzbefreites Leben, das nicht jeden Moant aufs Neue aus der Bahn geworfen wird? Und während Ada sich durch die hormonell ausgelöstete Menopause in diesem Sommer durch die Laken schwitzt und wieder einmal, aber auf neue Weise die Kontrolle über ihren Körper verliert, denkt sie zurück, an den Sommer vor 15 Jahren. 2003. Der Sommer, in dem sie 13 war. Der Sommer, als sie sich das erste Mal verliebt hat. Der Sommer, als sie das erste Mal ihre Periode bekam. Der Sommer, als alles begann. Ein Sommer, der begann wie jeder andere: mit Freiheit, Schwimmbad, Eiscreme und ihrer besten Freundin Lill. Und doch war dieses Mal alles anders, hielt die Pubertät Einzug, verschoben sich Prioritäten und Wahrnehmungen. Wurde die Freundinnenschaft zwischen Ada und Lill brüchiger, verletzlicher, als plötzlich Jungs und Beliebtheit und Aussehen eine zunehmend wichtige Rolle besonders in Lills Leben übernahmen. In diesem Sommer lernte Ada Elja kennen, ein Mädchen in ihrem Alter, die den Urlaub dort verbrachte. Elja ist anders als die Jugendlichen, die Ada bisher kannte. Mutiger, selbstbewusster, stärker. Gemeinsam verbringen sie ihre Tage in einer Bucht, abgeschirmt von den Blicken der anderen. Eine Freiheit, die in der Abwesenheit fremder Blicke liegt. Elja wird wichtig für Ada, zu wichtig auf eine Art. So entfaltet sich ein flirrender, eigenwilliger Sommer, der jäh unterbrochen wird von Adas erster Periode. So viel Blut. Zu viel Blut. So viel Schmerz. Zu viel Schmerz. Plötzlich verändert sich ihr Körper, verliert sie die Kontrolle, verschließt sich aus Scham und Angst. In diesem Sommer 2003 werden Weichen gestellt, die Adas gesamtes Leben, ihr gesamtes Selbstbild über 15 Jahre lang prägen werden. Gelingt es ihrem erwachsenen Ich verschwitzt und fiebernd die Fäden zu entwirren und einen neuen, eigenen, selbstermächtigten Blick auf ihren Körper zu erlangen?

»Wie geht es Ihnen mit dem Gedanken daran, nicht mehr zu bluten?«

Nach »Erdbeeren und Zigarettenqualm« ist »Paradise Beach« erst der zweite Roman, den ich lese, der sich mit dem Thema Endometriose auseinandersetzt. Ein Sinnbild dafür, wie wenig Licht auf dieses spezielle, aber eigentlich auf alle Themen im Bereich Frauengesundheit in unserer Gesellschaft noch immer fällt. Von den ersten Symptome bis zur Diagnose vergehen laut der Endometriose Vereinigung im Durchschnitt siebeneinhalb Jahre. Bei Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch geht es – welch Überraschung – etwas schneller, doch es kann auch viel länger dauern oder immer unentdeckt bleiben. Was fehlt, was Ada als Jugendliche so dringend gebraucht hätte, sind unter anderem Informationen. Denn welche heranwachsende Frau kann schon wirklich einschätzen, ob die Menge an Blut und die Menge an Schmerz wirklich »normal« ist? Was Ada gebraucht hätte, als Jugendliche und als Frau, ist es, ernst genommen zu werden. Und so ist »Paradise Beach«, auch wenn es mich doch nicht komplett überzeugen konnte, weil ich mich ein bisschen in der Geschichte und den Zeitsprüngen und der fiebrigen Erzählung verloren habe, trotzdem ein unglaublich gutes, starkes und wichtiges Buch. Weil es einen zentralen Beitrag leistet für ein Thema, das von allen Aufmerksamkeit verdient. Neben dem Umgang mit dem Thema Endometriose erzählt der Roman auch von den anderen Facetten der Jugend. Von einem allein durch die Pubertät veränderten Körpergefühl, von einem Körper, der sich gestern noch wie der eigene, und heute schon wie ein Fremdkörper anfühlt. Von Fremdblicken, Sexualisierung von Mädchen und Jugendlichen, von den ersten Belästigungserfahrungen, von den ersten Begegnungen mit Alkohol, Verliebtheit, Begehren und Körperlichkeit. Von wackligen Freundinnenschaften, Neuanfängen, undefinierbaren Ängsten und einsetzender Sprachlosigkeit. Und auch, wenn ich nicht alles verstanden habe, habe ich dennoch genug verstanden und vor allem gefühlt, um sagen zu können, dass »Paradise Beach« ein faszinierendes Debüt ist, das sich mit einem breiten Spektrum an weiblichen Erfahrungen auseinandersetzt und eure Aufmerksamkeit verdient.




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Daten zum Buch
Titel: Paradise Beach
Autor*in: Dara Brexendorf
Sprache: Deutsch
Verlag: Eichborn
Hardcover | 256 Seiten | ISBN: 978-3-8479-0237-9

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