Rezension zu »Feuer in der Kehle« von Beatriz Serrano
»Man muss Freude oder Traurigkeit in Maßen empfinden, damit es niemanden stört. Als wäre es verboten, nach oben oder nach unten auszuscheren, als müssten wir alle die ganze Zeit auf einer mit Kreide gezogenen Linie balancieren.«
Valencia, Mitte der 90er-Jahre: Eines Morgens wacht die neunjährige Blanca auf und ihre Mutter ist nicht mehr da. Scheinbar ohne Erklärung hat sie ihren Mann und ihre Tochter verlassen. Blancas Vater hält sich mit Auskünften zurück, findet immer neue Orte, an denen sie sich gerade aufhält. Irgendwann hört Blanca auf, Fragen zu stellen, denn Antworten bleiben so oder so aus. Schweigen breitet sich in ihrem Zuhause aus. Als ihr Vater eine neue Frau findet und wieder eine Mutterfigur in Blancas Leben tritt, hat sich Blanca bereits an das Schweigen und die Einsamkeit gewöhnt. Eine Einsamkeit, die sie auch in der Schule begleitet, denn Blanca ist anders als die anderen, findet keinen Einschluss, wird ausgegrenzt. Ihr einziger konstanter Begleiter sind wiederkehrende und beängstigende Hitzeschübe, für die Blanca weder eine Erklärung noch Lösung hat. So ziehen die Jahre dahin und aus Blanca wird eine stille, zurückgezogene Teenagerin ohne Freund*innen. Ihr Vater und seine Frau machen sich zunehmend Sorgen um sie. Als Blanca dann in einem Wutanfall dem Feuer in ihrer Kehle Raum lässt und die empfangende Mitschülerin bald darauf an einer schweren Krankheit stirbt, glaubt Blanca, dafür verantwortlich zu sein. Zuflucht findet sie in den Chatrooms des sich gerade auftuenden Internets. In einem Gothic-Chatroom findet sie Verónica, Carla und Inma, vier gleichgesinnte junge Seelen auf der Suche nach was auch immer. Auf einmal hat Blanca Freundinnen; jemanden, der sie versteht, der ihr zuhört und der auch ihre vermeintlich übersinnlichen Fähigkeiten für wahr hält. Schnell wachsen die vier Mädchen eng zusammen. Bis eine verstörende Entdeckung ihre Gruppe auf eine harte Probe stellt. Mit achtzehn findet Blanca schließlich unerwartet die Tagebücher ihrer Mutter. Alte und neue Fragen kommen auf, plötzlich nimmt ihre Mutter Gestalt für sie an, bekommt eine Stimme, eine eigene Persönlichkeit. Doch das, was Blanca in den Tagebüchern findet, ändert ein weiteres Mal in ihrem jungen Leben alles. Und Blanca beschließt, dass es an der Zeit ist, sich auf die Suche zu machen, nach ihrer eigenen Stimme, nach ihrer Bestimmung und nach dem Grund für das Feuer in ihrer Kehle.
»Feuer in der Kehle« hat mich überrascht in seiner Vielfältigkeit. Denn dieser Roman ist ein Mix aus vielem und dabei genau richtig so: Es ist ein Coming-of-Age, eine Reminiszenz an die Nullerjahre mit ihrer Musik, ihrer Innovation, ihren Aufs und Abs, eine Frauwerdung, eine Geschichte über Freundinnenschaft, über genetische und gewählte Familie, über psychische Erkrankungen, über Mutter-Tochter-Beziehungen, über die Absurdität des Lebens gemischt mit einer ordentlichen Prise magischem Realismus. »Feuer in der Kehle« ist wild und frei, erlebt Emotionen in den Extremen, nimmt sich selbst nicht zu ernst und greift gleichzeitig unglaublich ernste Themen auf, spielt mit seinen Leser*innen. Es ist eine besondere Atmosphäre, die dieses dreigeteilte Buch erschafft. Besonders der zweite Teil, die Tagebücher der Mutter, haben viel mit mir gemacht beim Lesen. Leerstellen, Echtheit, Schmerz. Das Verschwinden einer Frau erzählt durch ihre Abwesenheit, die Suche einer Tochter, verhüllt in der Suche nach sich selbst. Mit »Geht so« hat mich Beatriz Serrano letztes Jahr komplett abgeholt, »Feuer in der Kehle« ist anders, verworrener, stiller, melancholischer. Kein Buch für jede*n, aber eins, das eigenen Eindruck hinterlässt. Ich für meinen Teil habe Blancas Reise mit sehr viel Faszination verfolgt und das Leseerlebnis der anderen Art zu schätzen gewusst.
..................................................................

Kommentare
Kommentar veröffentlichen